Romane » Recherchierte Historische Romane...
| Rixa | Recherchierte Historische Romane... | 05.03.2008, 17:25 Uhr |
|---|---|---|
|
|
Der eine oder andere wird sich erinnern, dass ich gerade selber schreibe - und nicht zuletzt fuer Ideen hier bin und euch gerne mal was nerviges frage dahingehend, wie ein "typischer Historie-Konsument" seine Buecher geschrieben haben mag *zwinker* Heute wollte ich mal mit euch teilen ein kleines Stueck Recherche, die auch verdeutlicht, wie schmal der Grat ist zwischen "epochentypischer Ausdrucksweise" und hoffnungsloser Unverstaendlichkeit. Meine Geschichte soll angesiedelt sein im Umfeld der Zimmerleute im Quedlinburg der 2. Haelfte des 17. Jahrhunderts. Mein Protagonist Ratszimmermeister Martin Lange (ca. 1637 bis ca. 1715). Gefunden habe ich eine fluffige kleine Aktennotiz aus den Quedlinburger Ratsakten von 1690 in der es um die Erbauung von Langes wohl wichtigstem und wahrscheinlich schoenstem Gebaeude, der Quedlinburger Ratswaage, geht. Ich find den Wortlaut einfach schoen - und sehr bezeichnend dafuer, dass man nicht seher gut den Menschen von damals einfach die Worte aus dem Mund nehmen kann - heutzutage wuerde das kaum noch wer verstehen! "Ratsakten Nr.70 B/C o.J. Zu wißen sey hiermit, Daß Wir Burgemeister und Raht beeder Städte Quedlinburgk wegen erbauung unseres Wagehauses mit Mst. Martin Langen nachbeschriebenes gedungnis eingegangen: Es soll nehmlich derselbe das alte gebäude mit seinen Leuthen ab- und einnehmen, und anstatt deßen ein neues Von 3 Stockwercken auff, 9 fach breit und 10 fach lang bauen, daßelbe oben im Dache mit einem liegenden Stuhl und stehenden Träger wohl verwahren, das unterste Stockwerck gleich Herrn Cämr. Johann Helmich [Hieronymus] Heidfeldens seinem hoch, zweimal wohlverriegelt, auch in demselben forne nach der gaßen Zu eine Stube von 5 fachen breit, und 6.fachen Lang, dabey auch nach dem Hofe eine Kammer nebst einem gange Zum Secret verfertigen, das Dritte seulwerck aber von 5. Ell. hoch führen, das gantze Hauß durch und durch in allen stockwercken mit zween starcken Trägern und ständern versehen, und forne im Dache einen Ärckner von dreyen fachen, darinn die Winde herausgehen soll, machen und zwar solches alles von guten vollständigen, starcken und gesunden Holtze. Fur welches alles wir dem ermelten Mst. Martin Langen, wenn er nicht nur das darzu benöthigte Holtz auf seine Kosten alhier Zur stelle verschaffet, sondern auch daßelbe beschlagen, obbeschriebener maßen verfertiget und mit seinen gesellen und leuthen aufgerichtet, eines vor alles hundert und funftzig Thaler nebst andert halb faß bier nach und nachzuzahlen [so!] und das verarbeitete Holtz vom richte Platze nach der Waage bringen Zulaßen, nicht minder auch beyden richters fünff gehülffen Zuhalten und Zu lohnen, versprochen und Zugesaget, auch das dabey ausdrucklichen vorbehalten, fals Er solch gebäude nicht wie sichs geziemete, gerichtet haben wurde, solchen mangel oder schaden von ihm zu fodern und an dem versprochenen qvanto Zu kürtzen. Uhrkuntlich ist dieser Dünge Zettel gedoppelt verfertiget und jedem Theil ein Exemplar ausgestellet worden. So geschehen Quedlinburgk 27.Maij 1690. Burgemeister und Raht beeder Städte Quedlinburgk [Unterschrift:] Marten Lange" "Cela resamble bien un romang et en le racontemps, bien de jans ne vous croirong pas." |
|
| adhara | AW: Recherchierte Historische Romane... | 05.03.2008, 20:24 Uhr |
|
|
Hey Rixa, dieser Text ist ja wunderschön zu lesen |
|
| Rixa | AW: Recherchierte Historische Romane... | 05.03.2008, 20:34 Uhr |
|
|
Tja, so wuerde das eben aussehen, wenn historische Romane in zeitgemaesser Ausdrucksweise verfasst werden... autsch! Was mich an diesem Schriftstueck eigentlich am meisten fasziniert hat, als ich es zum ersten Mal las, war die Beschreibung der Architektur, vor allem das Wort "Erker", dem ich eigentlich zugetraut haette, zu jener Zeit noch auf einen ganz anderen Namen gehoert zu haben... *zwinker* Soll ich meinen Protagonisten nun lieber Martin, Marten oder (wie er in Haeuserinschriften auch geschrieben wird gelegentlich) Merten nennen? Ich hab mich mehr oder weniger auf Martin eingeschossen - Marten klingt mir zu niederlaendisch und Merten irgendwie westfaelisch... Probleme Probleme... *zwinker* "Cela resamble bien un romang et en le racontemps, bien de jans ne vous croirong pas." |
|
| adhara | AW: Recherchierte Historische Romane... | 05.03.2008, 20:49 Uhr |
|
|
@Rixa Ich liebe ja die alten Namen |
|
| CharlieLyne | AW: Recherchierte Historische Romane... | 05.03.2008, 20:51 Uhr |
|
|
Ich bin ein absolut quellenverliebter Mensch und kann die Begeisterung fuer ein so vor Leben berstendes Stueck Geschichte verstehen. Natuerlich gibt es die Moeglichkeit (Sabine Weigand macht das z.B. prachtvoll), einen solchen Ausschnitt im Original in den Text einzuarbeiten, es muss dann nur gut gemacht sein - und wird garantiert seine staunenden, bezauberten Leser finden. Wo es ins Konzept nicht passt, hilft (finde ich), sich zu verhalten wie ein Uebersetzer (ich bin einer ...), d.h. den Originaltext behutsam in beide Haende nehmen und ihn sehr langsam, Zoll um Zoll, in einen anderen Sprachduktus hinuebertragen, moeglichst ohne ihm Spruenge zuzufuegen. Das geht - finde ich (es gibt ja unzaehlige andere Methoden) - besonders gut, wenn man in Schichten arbeitet und die einzelnen Versionen immer wieder vergleicht, um sich zu vergewissern: Was muss ich uebertragen, was darf ich behalten? Wo helfe ich lediglich dem Sprachverstaendnis auf und wo geht mir das Charisma des Textes floeten? Die Uebersetzer-Regel "So nah wie moeglich und so frei wie noetig" finde ich dabei hilfreich. Viel Freude mit Deinen Quellen auch weiterhin - ich finde das ist der allerschoenste, allererregendste Teil der Arbeit. Herzliche Gruesse von Charlie Codename "Max" 28. Januar 2012 |
|
| Rixa | AW: Recherchierte Historische Romane... | 05.03.2008, 21:07 Uhr |
|
|
Jaaa ich bin gerade dabei, ein naechstes Kapitel im Kopf zu schreiben, das nicht zwangsweise an die Prolog-Erstfassung anschliesst... Ich mach das gerne so, viiiiiieeeel rumrecherchieren (hab da heute oder morgen noch 2 Briefe zu schreiben an Lokalhistoriker, mit denen ich mich irgendwie in Verbindung setzen moechte, die vielleicht noch das eine oder andere Stueck Information fuer mich haben, das den Weg ins WWW noch nicht gefunden hat...), dann viel im Kopf schreiben - einfach nur vor mich hindenken und mir die Szene ausmalen, und erst wenn ich sie im Kopf fertig habe, schreib ich sie auf. So hab ich festgestellt, geht das Schreiben fluessiger von der Hand und auch "Ausschmueckungen" sind schon "fertig" und muessen nur noch niedergeschrieben werden, weil die Szene im Kopf schon wie im Film ablaeuft. Und dabei gehe ich selten chronologisch vor - chronologisch engt mich ein. Aber Charlie hat recht, Recherche ist der interessanteste Teil ueberhaupt. Deswegen koennte ich nie nicht Fantasy schreiben - wo alles geht und man sich dumm und dusselig erfinden kann, das bringt mir nichts, ich brauche "Menschen zum Anfassen" - und was ist da besser als diese Art von Dokumenten, die auf begeisternde Weise von der Lebendigkeit der Figuren berichten... "Cela resamble bien un romang et en le racontemps, bien de jans ne vous croirong pas." |
|
| anath | AW: Recherchierte Historische Romane... | 05.03.2008, 21:34 Uhr |
|
|
Rixa, ich will dein Buch !!!!! Hier spricht Quedlinburg -Fan Nr. 1 !!!!! Und komm jetzt nicht damit, daß du das ja schon bist ! Ich finde die Sprache in deinem Schriftstück übrigens nicht schwer zu verstehen, nur ist es auf Dauer sehr anstrengend und somit für einen Roman heute eher ungeignet(wenn er denn durchgängig so geschrieben wäre). Ich merke das auch bei den Büchern von Tom Wolf, der ja den guten alten Friedrich Zwo so ziemlich genau so durch die deutsche Sprache kauderwelschen läßt wie er es allem Vernehmen nach tatsächlich getan hat. Manchmal muß man dann schon zwei Mal lesen um zu begreifen. Neulich hatte ich allerdings ein Buch, wo mir der Übersetzer zu weit ging mit den Modernismen, ich hab dazu auch einen Kommentar geschrieben. David Wisharts "Ovids Schatten" ist gemeint. Da war was mit "Betonsandalen an den Füßen im Tiber landen" und so... Aber für deine Arbeit drücke ich dir die Daumen ! Denke dran : Ich will dein Buch !(Wenn's geht mit Münzenberg!) Vergeben und vergessen ? Ich bin weder Jesus noch habe ich Alzheimer ! |
|
| Rixa | AW: Recherchierte Historische Romane... | 05.03.2008, 21:56 Uhr |
|
|
Ja wie anath, magst du in meine 10-12 Seiten Prolog mal reinlesen? Nichts leichter als das *zwinker* - ich bin fuer Kritik immer zu haben, je mehr das Ding im Fruehstadium lesen und kommentieren, desto besser kann ich meine Schreibe auf die Leser abstimmen. Oh je... Muenzenberg... die ganze Chose mit den Vorstaedten ist in Quedlinburg ja allgemein recht unuebersichtlich. Schon das Westendorf (heutiger Schlossberg bzw alles ab Altetopfstrasse) war ja in der angepeilten Zeit ziemlich eine autonome Angelegenheit mit ihren eigenen Menschen und Macken - beim Muenzenberg war das ja noch zehnmal extremer. Ich hab bis jetzt einen einzigen Muenzenberger immermann gefunden, der wohl angeblich auch auf dem Gebiet der Alt- und Neustadt gebaut hat in der Zeit, ueber die ich schreibe - allerdings sind ihm noch keine Bauten zweifelsfrei zugeordnet worden. Ansonsten haben sich die Quedlinburger vom Muenzenberg ferngehalten und sie wollten die Muenzenberger auch nicht in der Stadt haben - das ist also nicht leicht, die beiden Sachen unter einen Hut zu kriegen. Aber mir wird da was einfallen *zwinker* - schoene potentielle Konfliktsituation allemal. Was liebe ich an Quedlinburg? Oh eigentlich alles, aber es gibt Ecken, die sind einfach "schnurriger" als andere - der Wipertifriedhof mit seinen Gruften zum Beispiel ist was skurriles (da fuehrt ein Weg mittendurch, der tatsaechlich "Arschkerbe" heisst!!!!!!!). Oooooh und der Jugendstil... kommt gleich nach den tollen Fachwerkhaeusern, ich hab noch keine Stadt gefunden, die auf so kleinem Raum so viele filigrane Meisterwerke des Jugendstils zu bieten hat! QLB-Fans unter sich *zwinker* - vielleicht mal auf einen Tee und Kaesekuchen auf dem Schlossberg treffen??? Mit anschliessender BEsichtigung des mittelalterlichen Skriptoriums auf der Burg und der historischen Bibliothek nebenan? "Cela resamble bien un romang et en le racontemps, bien de jans ne vous croirong pas." |
|
| anath | AW: Recherchierte Historische Romane... | 05.03.2008, 22:07 Uhr |
|
|
Bin sofort dabei ! Eigentlich wollten wir letztes We nach QLB, wir hatten die Fahrt meinem Schwiegervater zum Geburtstag geschenkt. Leider ist er krank geworden, da haben wir alles abgesagt. Da war's dann nicht mehr so schlimm, daß ich mich auch noch flach legte. Muenzenberg und Wipertikirche + Friedhof stehen auch bei mir ganz oben auf der Liste ! (Da wird sich doch ein Wandermusikant für dein Buch finden lassen ! Vergeben und vergessen ? Ich bin weder Jesus noch habe ich Alzheimer ! |
|
| tassieteufel | AW: Recherchierte Historische Romane... | 06.03.2008, 09:48 Uhr |
|
|
Hallo Rixa, das ist ein Thema, das mich auch schon eine Weile beschäftigt. Oft liest man ja bei Lesekommentaren, das bei hist. Romanen die Sprache als zu modern bemängelt wird. Wie schon aus Deinem Text hervor geht, wäre es sicher schwierig, ein ganzes Buch in der entsprechenden Schreib-und Ausdrucksweise einer Zeit zu lesen. Sicher kommt es auch hier auf eine gute Mischung an. Martina Andre hat z.B. in ihrem Buch "Das Rätsel der Templer" auch immer mal einige Sätze in Althochdeutsch einfließen lassen, das fand ich sehr schön, zeigte es doch die sprachlichen Differezen, die in ca. 800 Jahren liegen. Schwierig finde ich es allerdings, wenn zu viele unbekannte Begriffe verwedet werden und man bei jeder Seite 3 x im Glossar (um keinen falschen Eindruck zu hinterlassen, ich mag Glossare, vor allem wenn da auch noch etwas Hintergrundwissen vermittelt wird, aber wie gesagt in Maßen!) nachschlagen muß, dann stört das bei mir doch den Lesefluß. Manchmal ist es daher aus meiner Sicht besser, einen etwas moderneren Begriff zu verwenden, als das man als Leser dann da sitzt und sich stänig fragt "hä, was ist denn jetzt". Um mal ein Beispiel zu nennen, ich habe letztens ein Buch gelesen, in dem das Wort "Gänzlöffel" vorkam. Der Begriff sagte mir absolut nichts, er war zwar im Glossar erläutert, ich konnte mir dann hinterher auch was drunter vorstellen, aber Authentizität hin oder her im Lesezusammenhang war für mich die ganze Szene dann doch gestört und wenn ein mordernerer Begriff verwendet worden wäre, hätte ich das besser gefunden. Aber das ist sicher auch Geschmackssache und für den Autor wieder mal eine Gratwanderung. Wie gesagt, ich mag Glossare, aber nicht wenn ich bald auf jeder Seite zig mal nachschlagen muß. Übrigens falls ich nicht die Einzige bin, die mit dem Gänzlöffel nichts anfangen konnte, das Wort ist abwertend und grob für "Penis" gemeint. Rixa, ich habe zu Hause noch einige alte Bücher aus dem Harz, die Bücher sind von 1876 und 1905, es geht zwar mehr um Geologie, aber es werden auch sprachliche und kulturelle Unterschiede der einzelnen Harzregionen erwähnt, sicher steht da nix drin was Du nicht schon weißt, aber falls Du von den entsprechenden Seiten mal Kopien magst, dann melde Dich! @anath, sei froh, das ihr nicht in QB wart, zur Zeit wird der Dom saniert, alles mit Gerüsten überzogen, sieht nicht so toll aus, im Frühsommer soll aber alles wieder weg sein. lg tassie..... Der wahre Zweck eines Buches ist, den Geist hinterrücks zu eignem Denken zu verleiten. -Christopfer Morley- |
|






