Romane » AW: Sex in Büchern.... (Seite 7)

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anath AW: Sex in Büchern.... 28.06.2011, 14:34 Uhr
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Oh, die Latrinensklavin gibt's doch schon, siehe "Fortunas Rache". Ein durchaus gewitztes und sympathisches Wesen übrigens... *zwinkert*

Vergeben und vergessen ? Ich bin weder Jesus noch habe ich Alzheimer !

IrisKammerer AW: Sex in Büchern.... 28.06.2011, 15:01 Uhr
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Ich muss jetzt auch mal was dazu loswerden ... *grinst breit*

Erst mal vielen Dank, Charlie und Melanie (hoffentlich habe ich niemanden vergessen), dass ihr beide mit unterschiedlichen Standpunkten (auch) die Autorenseite vertreten habt.

Ich selbst neige Charlies Seite zu: In einem Roman sollte es möglich sein, jede menschliche Regung zu beschreiben, wenn sie etwas zu Personen und Handlung beiträgt (und zwar NUR dann!), und die Darstellung sollte so gehalten sein, DASS sie dann auch etwas zu Personen und Handlung beiträgt. Punkt. Das gilt für den in Titel oder Klappentext groß angekündigten Mord ebenso wie für den Toilettengang, für das höfische Bankett ebenso wie für des Dichters Tandaradei unter den Linden.

Persönlich habe ich ganz schwer den Eindruck, dass der "Zeitgeist" gewaltig oversexed & underloved ist. Und das nicht nur, weil die Populärkultur alles sprachlich trivialisiert hat. Nicht nur das Thema Liebe, auch den Tod. Beide finden in unserer Zeit nicht mehr in der Unmittelbarkeit statt, wie unsere Großeltern das noch kannten. Der Sex ist vom Kinderkriegen abgekoppelt, der Tod findet tunlichst hinter verschlossenen Türen statt. Das ist ein soziales und kulturelles Phänomen, zu dem man stehen kann, wie man will - es ist nun einmal der Fall.

Liebe ist heute etwas völlig anderes als z.B. im Mittelalter - es ist ein Gefühl, das einem mehr oder weniger ohne eigenes Zutun passiert und das sich an Bedingungen knüpft, wie man an der Entwicklung der Scheidungsraten und der Zahl der eher offenen Partnerschaften sowie dem gesamten Problemkomplex, wie er sich empirisch in Beratungsstellen, Therapieeinrichtungen und Anwaltskanzleien darstellt, erkennen kann (das ist keine moralische Wertung, sondern eine Benennung der Fakten).

Verständlicherweise sehnen sich Menschen in eine heile Welt - auch als Leser. Das ist schlicht Normalität. Und aus diesem Bedürfnis speist sich die hohe Zahl von Sexszenen in der aktuellen Belletristik. Da ist nämlich entweder Sex die Vervollkommnung der von Partnerschaft und Kinderkriegen abgekoppelten individuelle Triebbefriedigung als Spaß ODER die Vollendung der romantischen Liebe (bzw. deren Beginn) ODER die ultimative Erniedrigung des nach sexueller Selbstbestimmung strebenden Individuums.

Zugegeben, das klingt alles sehr abstrakt. Es geht schlicht darum, dass im Roman die ganz normalen Wunsch- und Albträume Raum finden.

Diese Träume können dort - um zwei Extreme einer breiten Skala zu zeigen - im Diskurs behandelt werden, d.h. thematisiert und in der Handlung bzw. durch die handelnden Personen diskutiert oder reflektiert werden oder sie können den Leser durch Erregung von Emotionen durch die Geschichte ziehen. "Echte" Literatur, die von Dauer ist (wie die Romane von D.H. Lawrence, Flaubert u.a.) neigt eher (!) der ersten Richtung zu, typische Pageturner eher (!) der zweiten.

Auch in historischen Unterhaltungsromanen begegnet einem eher (!) die zweite Variante. Das ist niemals mit böser Absicht verbunden! Einerseits gibt es jede Menge historischer Unterhaltungsromane, die vor allem eine bunte Kulisse für eine bunte Geschichte erzeugen wollen (dazu zählt auf jeden Fall die bereits erwähnte "Hure von Rom", bei deren Testlektüre sich mir aus mancherlei Gründen schmerzhaft die Fußnägel aufgerollt haben).
Andererseits haben so gut wie alle Autoren "Agenda", d.h. Dinge, die er oder sie den Lesern über die erzählte Geschichte hinaus bzw. anhand der erzählten Geschichte vermitteln (wollen) - vieles davon unbewusst. Das können historische Elemente sein aber auch Weltanschauliches. Dan Brown z.B. ist ein Autor mit einem ausgesprochen anti-katholischen Programm, bei Ken Follett bricht der Labour-Mann immer wieder durch, bei Jane Auel ist es der Große-Mutter-Kult (die in dieser Gestalt übrigens eine Erfindung des späten 19. und beginnenden 20. Jhs. ist) usw. Auch darin liegt - zumindest den Lesern gegenüber - nie eine negative Absicht. Die Leser will man als Autor ja gewinnen. *grinst*

Insofern ist es allerdings wenig verwunderlich, dass eine Gesellschaft, die - m.A.n. - oversexed & underloved ist, entsprechende Träume, Geschichten und Bilder produziert - nämlich solche, die dieses Phänomen stützen (die Fun-Variante), und andere, die das Lieblose bzw. Zerstörerische im Hedonismus, den Missbrauch, anklagen (die Verbrechensvariante), oder ein Wegträumen ermöglichen (die romantische Variante).

Auch historische Romane sind bei aller Liebe zum historischen Detail IMMER zeitgenössische Romane und sprechen immer von dem, was die heutigen Menschen neugierig macht und interessiert oder erschreckt und abstößt.

Im Idealfall kann ein historischer Roman einzelne historische Elemente transportieren, andere Lebensentwürfe sichtbar machen, für Toleranz für andere Lebensentwürfe werben, Horizonte öffnen, Allgemeinmenschliches thematisieren . Dazu muss er nicht einmal "historisch korrekt" sein (siehe Lion Feuchtwanger, Klaus Mann u.v.m.).

Ob ein Autor Sexszenen schreibt oder nicht, muss er oder sie letztendlich davon abhängig machen, was erzählt werden soll. Ein erotischer Roman ohne Sex ist schlicht verfehlt - ob das allerdings explizit sein muss, da bin ich mir gar nicht sicher. Ein Schweißtropfen, der von der Kehle herabrinnt, kann beileibe erotischer sein als launige Benennungen äußerer Geschlechtsorgane.
Auf der anderen Seite gibt es Darstellungen von Sexualität, die nahezu alternativlos sind, um genau das zu vermitteln, was vermittelt werden soll. Dann allerdings bleibt zu hoffen, dass die Darstellung so ist, dass tatsächlich das Gewünschte bei den Leser ankommt. Dass es bei jedem bzw. jeder klappt, ist absolut unwahrscheinlich. *grinst*

"Und Hochmut ists, wodurch die Engel fielen, Woran der Höllengeist die Menschen fasst." (Friedrich Schiller, Die Jungfrau von Orléans)

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