Romane » Der dunkle Thron
| anath | Der dunkle Thron | 05.10.2011, 00:17 Uhr |
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Ich habe eben gerade mal die Lesekommentare zu Rebecca Gablés neuestem Buch gelesen und erfreut festgestellt, daß sie doch recht kontrovers sind. Darum möchte ich einfach mal anregen, hier in diesem Thread über das Buch zu diskutieren. Ich habe den Eindruck, daß es hier ein paar Leute gibt, die gerne mitdiskutieren würden. Allerdings denke ich, daß vorab eine ---SPOILERWARNUNG --- stehen sollte, denn möglicherweise werden hier Buchinhalte zur Sprache kommen. Also bleibe fern, wer sich seine literarische Jungfräulichkeit erhalten möchte (zumindest im Bezug auf dieses Buch Vergeben und vergessen ? Ich bin weder Jesus noch habe ich Alzheimer ! |
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| Stefanie80 | AW: Der dunkle Thron | 05.10.2011, 09:42 Uhr |
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Ich habe gestern das Buch beendet. Wie RG es schafft Historie und Fiktion miteinander zu verweben, fand ich wie immer beeindruckend. Dass sie eine andere Sicht auf Henry hat (ich sehe ihn nicht nur durch und durch schlecht), ist - meiner Meinung nach - ihr gutes Recht als Autorin. Ich habe auch eine etwas andere Sicht auf Mary bekommen. Niemals zuvor habe ich mir vorgestellt, wie es sein muss, als Königstochter großgezogen zu werden, und dann plötzlich zum Bastard erklärt zu werden. Allerdings bin ich der Meinung - im Gegensatz zu anderen Lesern - dass RG Mary durchaus nicht nur positiv darstellt. Ihr religiöser Fanatismus blitzt doch immer wieder durch. Zu dem Vorwurf, dass der Held zu idealistisch dargestellt wird, kann ich nur sagen, ich empfand das nicht so. Nick ist nicht nur ein positiver Charakter, sondern hat manchmal fast unsymphatische Züge. Mir persönlich gefällt das sehr gut, denn er verhält sich wie ein Mann seiner Zeit und das ist heute oft sehr schwer nachvollziehbar. Das sind jetzt nur einmal ein paar Gedanken, von mir, man könnte über dieses Buch natürlich noch viel viel mehr schreiben. |
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| CharlieLyne | AW: Der dunkle Thron | 05.10.2011, 10:15 Uhr |
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Noch etwas, das mir nach unserer gestrigen Diskussion aufgefallen ist: Wenn ich mir die Beitraege in der Leserunde auf www.buechereule.de durchlese, dann stoesst mir geradezu auf, wie stark sie sich von den Kommentaren in anderen Leserunden (die Auswahl, die ich verfolgt habe, ist natuerlich begrenzt) unterscheiden. Mich verbluefft das leidenschaftliche Engagement, mit dem die Teilnehmer ueber die Figuren diskutieren - und dann fallen da Formulierungen wie "das musste XYZ ja passieren" und "wieder mal typisch Waringham", bei denen ich den Eindruck habe: Die unterhalten sich ueber ihre Nachbarn, nicht ueber erfundene Figuren. Ich finde diesen Effekt beachtlich. Dass mir manche Figuren (z.B. die Waringhams) auf den Zeiger gehen und ich andere (z.B. Mary) voellig anders sehe, spielt dabei ueberhaupt keine Rolle. Fuer mich ist das eine absolut erstaunliche Gabe, Menschen (noch dazu Vielleser!) dazu zu bringen, mit Figuren derartig mitzugehen. Ich erlebe das so bei keinem anderen Autor im historischen Bereich, zumal die Gruppe, die da liest (das beeindruckt mich am meisten), alles andere als homogen ist. Fuer mich ist Rebecca Gable ein Phaenomen. Ich lese sie nicht mit Begeisterung, aber mit Bewunderung. Alles Liebe von Charlie Codename "Max" 28. Januar 2012 |
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| CharlieLyne | AW: Der dunkle Thron | 05.10.2011, 10:25 Uhr |
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P.S.: Ich denke, das, was an "Nick" und anderen Helden als zu positiv empfunden wird, ist dieses Edelmuetig-Ehrenhaft-Heldische (Dazwischenspringen, wenn Mary eine Ohrfeige droht etc.) und gewisse unglaubwuerdige Faehigkeiten (Pferdefluestern). Ich gebe aber Stefanie Recht, obwohl mich diese Eigenschaften stoeren: Daneben gibt es welche, die gemeinhin als negativ bewertet werden, und diese einseitige Heldenhaftigkeit empfinde ich bei anderen Autoren viel krasser (naemlich so, dass ich sie nicht lesen kann). Am schlimmsten finde ich diesen Ich-bin-der-huebsche-fuer-das-Gute-kaempfende- aber-aufgrund-meines-traurigen-Traumas-frauenvernaschende-Schwerenoeterli-der-am-Ende-aber-treulich-der-einzigen-verfaellt-Typen. Den ertrage ich nicht, weil der fuer mich absolut aus Plastik ist und in Technicolor-Piratenfilme der Fuenfziger Jahre gehoert. Solche Figuren kann man - finde ich - Rebecca Gable nicht vorwerfen. Ich finde ihre Figuren auch intensiver in ihrer Epoche verankert (wiewohl man da natuerlich im Interesse der Lesbarkeit Abstriche machen muss), dichter und griffiger als man es vom Genre gewohnt ist.
Codename "Max" 28. Januar 2012 |
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| MelanieMetzenthin | AW: Der dunkle Thron | 05.10.2011, 11:06 Uhr |
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Am schlimmsten finde ich diesen Ich-bin-der-huebsche-fuer-das-Gute-kaempfende- aber-aufgrund-meines-traurigen-Traumas-frauenvernaschende-Schwerenoeterli-der-am-Ende-aber-treulich-der-einzigen-verfaellt-Typen. Den ertrage ich nicht, weil der fuer mich absolut aus Plastik ist und in Technicolor-Piratenfilme der Fuenfziger Jahre gehoert. Dafür gibt es ja ein eigenes Genre, das alle 14 Tage seine Leserinnen findet und durchaus seine Berechtigung hat. Zu den Diskussionen über Figuren wie über lebendige Wesen: Ich glaube, diese Diskussionen könnte man über gar nicht so wenige Romanfiguren führen. Wenn sich denn die Leser darauf einlassen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sie es tun, ist ja um so größer, je mehr eine Figur polarisiert und Projektionsfläche für eigene Empfindungen bietet - sie löst Gefühle beim Leser aus - und dabei ist es egal, ob die nun positiv oder negativ sind. Wenn jemand Nick nicht mag, weil der soooo edel ist, dann wird dieser Leser eher widersprechen, wenn jemand sagt, Nick ist einfach toll. Auf jeden Fall ist die Figur nicht hölzern und flach, denn sonst wäre sie langweilig und keiner würde sich ihren Namen merken. Vermutlich müssen Figuren von erfolgreichen Romanen polarisieren. So wie Menschen im echten Leben auch. Gruß, Melanie Die Sündenheilerin, Juli 2011 (Piper) |
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| CharlieLyne | AW: Der dunkle Thron | 05.10.2011, 11:26 Uhr |
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Aber dass die Leser (und so viele!) sich darauf einlassen, finde ich eben so faszinierend. Ich beobachte das mit grossem Staunen. Ueber die Sache mit dem Polarisieren muss ich nochmal nachdenken. Auf jeden Fall ist mir auch aufgefallen, dass die supererfolgreichen Romane (Rebecca Gable, Ken Follett etc.) bei Amazon grundsaetzlich kontrovers diskutiert werden. Vielleicht liegt's ja aber auch nur daran, dass sich dazu viele, viele Menschen aeussern? Viele Gruesse von Charlie Codename "Max" 28. Januar 2012 |
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| Stefanie80 | AW: Der dunkle Thron | 05.10.2011, 11:40 Uhr |
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Genau das finde ich auch, ansonsten würde ich ihre Bücher nicht lesen wollen. Ich habe schon so manches Buch entnervt abgebrochen weil die Figuren - wie Melanie so treffend schreibt - hölzern und flach waren. |
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| anath | AW: Der dunkle Thron | 05.10.2011, 11:58 Uhr |
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Mir ist aufgefallen, daß einige Leser besonders die Sicht auf Heinrich bemängeln, z.B. daß er von Anfang an als fetter Fiesling dargestellt wird. Fand ich auch problematisch. Allerdings finde ich z.B. , daß ein sehr junger Mensch, der auch noch den Vater durch diesen König verloren hat (auch wenn Wolsey der eigentliche Übeltäter war), seine ganz eigene Sicht auf den "schönsten Prinzen der Christenheit" entwickeln wird. Klar, alle Waringhams sind tapfer, edel und gut (also zumindest die Hauptfiguren der Romane ) und eigentlich ist auch immer klar, daß sie sich letztendlich erfolgreich durch's Leben schlagen, ihre Burg behalten/zurück bekommen etc.. Mir macht es trotzdem Spaß, die Bücher zu lesen. Zum einen finde ich, es gibt reichlich Sachbücher und ebenso reichlich "schwere" Belletristik zu dieser Zeit. Bei Rebecca Gablé weiß ich mittlerweile, daß sie gut recherchierte Bücher schreibt, Abenteuergeschichten , die ich schon als Kind regelrecht verschlungen habe. Sie bietet also - zumindest für mich - einen ganz wunderbaren Mix aus Realität und Fiktion, spielt dabei durchaus auch mit den Emotionen ihrer Leser. Und das macht für mich den Reiz an der Sache aus. Letztendlich sind es für mich realitätsbezogene Märchen, spannend , actionreich und bunt. Vergeben und vergessen ? Ich bin weder Jesus noch habe ich Alzheimer ! |
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| maimonides | AW: Der dunkle Thron | 05.10.2011, 12:45 Uhr |
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Da ich so ziemlich die Einzige hier auf der HC bin, die den Roman unter aller Kanone findet - mal ein paar Argumente:Mir ist aufgefallen, daß einige Leser besonders die Sicht auf Heinrich bemängeln, z.B. daß er von Anfang an als fetter Fiesling dargestellt wird. Fand ich auch problematisch. Allerdings finde ich z.B. , daß ein sehr junger Mensch, der auch noch den Vater durch diesen König verloren hat (auch wenn Wolsey der eigentliche Übeltäter war), seine ganz eigene Sicht auf den "schönsten Prinzen der Christenheit" entwickeln wird. Eine schöne Entschuldigung - aber Nick konnte nicht in die Zukunft sehen! Das ist nicht Nicks Bild von Henry, sondern Frau Gables die die Zukunft kennt. Abgesehen davon wird es aus einem stattlichen Mann keinen Fettwanst machen können - blind kann er nicht gewesen sein. Tut mir leid, aber die histor. Darstellung Henrys ist nicht stimmig. So einfach pro Reformer und contra Papisten war der Umschwung auch nicht wie Frau Gable das darstellt. Auch die Reformer mußten teilweise ganz schön leiden. Die Darstellung der "Heiligen" Mary zielt meiner Meinung nach nur darauf ab: Sie hatte eine ach so schlechte Kindheit und mußte daher zur Mörderin werden. (das ist etwas überzogen ausgedrückt) Aber Henry hat halt Schuld. So war Mary mit Sicherheit nicht. Dann stimmt mE. die Kopfgeschichte von TM nicht. Aber eignet sich gut für eine positive Berichterstattung der Papisten. Achtung Spoiler!!!!! Niemals würde ein Erzkatholik eine Scheidung gutheißen - aber weil es ja um Nick geht, ist das kein Problem. Die Schußwaffengeschichte ist mehr als lächerlich - aber die "doofe" Boleyn hat nichts besseres verdient. Dann ein für mich sehr großer logischer Fehler: Henry ist ein Schwein und läßt köpfen wen er will. Nick benimmt sich wie der letzte Hempel - aber überlebt alles. Also ist Henry doch kein Schwein? Was läßt er sich von Nick alles bieten, kein Herrscher hätte so oft die Augen zugedrückt. Das ganze ist schön schwarz: Reformer und schön weiß: Papisten. Nick ist die einzige Ausnahme - kopflos, brutal gegenüber Polly (er nutzt sie nur aus) usw., also bestimmt kein Held. Warum beugt Frau Gable die historischen Fakten immer nur dann, wenn es für eine pos. Darstellung der Katholiken gut ist? Für mich ist das Ganze ein "Rachefeldzug gegen Henry" und das schon fast mit primitiven (in meinen Augen) Mitteln. Ich habe nichts gegen einen fiktiven Roman - lese ich auch gerne mal. Aber wenn mir die "Königin der historischen Romane" einen gut recherchierten Roman serviert, dann erwarte ich auch das: gut recherchiert und eine Beleuchtung vieler Seiten. Die Historie ist nicht nur nicht ausgeleuchtet von beiden Seiten, sondern in zu vielen Dingen falsch. |
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| maimonides | AW: Der dunkle Thron | 05.10.2011, 12:56 Uhr |
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@charlie, melanie Meiner Meinung nach hat man die meiste Freude an einem Buch, wenn man komplett in das Buch "eintauchen" kann. Sich also sozusagen mitten im Getümmel befindet. Das schaffen viele Autoren: man geht mit den Akteuren über den Markt, streift durch Wälder, erlebt Dikussionen mit - bekommt Bauchweh bei heiklen Situationen usw.. Oder man diskutiert mit, mir ist das bei Isenhart zB so gegangen, als er in der Puente war - da habe ich einige Male vor mich "hingebrabbelt" was ich antworten/fragen würde. Mein Mann bemißt die Qualität eines Buches oft danach wie lange er benötigt, um meine Aufmerksamkeit zu erlangen wenn ich lese. Je besser das Buch desto weniger Chancen hat er. Nun mal etwas Lob, aber berechtigt: Anfand des Jahres habe ich "Die zwölfte Nacht" gelesen - da war ich ständig in Hampton Court usw. Mit der Sündenheilerin ging es mir ähnlich, da hätte ich an manchen Stellen auch am besten eingegriffen. Es gibt viele Bücher die dieses Kopfkino zulassen, aber ich muß auch wollen. Eine Bekannte sagt immer, sie beneidet mich - sie kann sich nicht in ein Buch so vertiefen. Sie merkt auch, daß ihr etwas fehlt - kann es nur nicht ändern. |
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