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IrisKammerer AW: Iny Lorentz 09.09.2010, 10:32 Uhr
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Der Leser mag Koenig sein, das mache ich ihm nicht streitig.
Aber die Geschichte ist der Papst.


Jawollja! Das unterschreibe ich sofort! *applaudiert* *Daumen hoch*

Oder wie Kollege Wolfram Fleischhauer mal sagte:
»Ein Buch sollte eine echte Begegnung sein, eine Erfahrung, sonst ist es nur Zeitvertreib, was auch etwas Schönes ist, wenn ich als Leser spreche, aber nicht meine Sparte, sobald es ums Schreiben geht.«

"Und Hochmut ists, wodurch die Engel fielen, Woran der Höllengeist die Menschen fasst." (Friedrich Schiller, Die Jungfrau von Orléans)

tassieteufel AW: Iny Lorentz 09.09.2010, 10:42 Uhr
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Mal eine Frage an die Autoren/Innen, werden bestimmte Sachen von den Verlagen gefordert bzw. nahegelegt bestimmte Szenen mit in Bücher einzubauen? Ich hab mal vor längerer Zeit in einem Autoreninterview gelesen (kann mich leider nur erinnern, daß es eine amerikanische Autorin war) daß da berichtet wurde, vom Verlag hätte man "angeregt" doch mehr Sexszenen in das Buch einzubauen, weil die Leserschaft sowas lesen wolle. Amerika ist ja nun ei eiwas anderer Lesemarkt, aber mich würde interessieren, ob das auch hier bei uns so ist und ob man sich da als Autor auch gegen wehren kann, wenn solche Forderungen auftauchen.

lg tassie

Der wahre Zweck eines Buches ist, den Geist hinterrücks zu eignem Denken zu verleiten. -Christopfer Morley-

paperbackwriter AW: Iny Lorentz 09.09.2010, 11:08 Uhr
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Mal eine Frage an die Autoren/Innen, werden bestimmte Sachen von den Verlagen gefordert bzw. nahegelegt bestimmte Szenen mit in Bücher einzubauen?
lg tassie


Also, das haben Iris (Klockmann) und ich noch nicht erlebt. Auch wenn man manchmal liest, dass Sex sells. Bin gespannt, ob andere Kollegen andere Erfahrungen gemacht haben.
CharlieLyne AW: Iny Lorentz 09.09.2010, 11:16 Uhr
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Also ich habe jetzt den fuenften grossen Publikumsverlag erlebt und zu mir hat noch keiner gesagt: Machense da mal mehr Sexszenen rein. (Liegt vielleicht daran, dass meine Buecher schon von allein versaut sind?)
Gesagt worden sind mir bei Vorstellung von Projekten allerdings schon Dinge wie:

"Finden Sie nicht, die Schicksalsschlaege kommen hier ein bisschen gehaeuft?" (Fand ich auch - habe ich geaendert.)

oder

"Hier sollte es jetzt nochmal richtig knallen." (Fand ich nicht - habe ich nicht geaendert.)

oder

"Ist es moeglich, das Selbstmitleid der Figur etwas zurueckzufahren, damit es den Leser nicht nervt." (Mich hat's nicht genervt, ich habe den Rat aber gern angenommen,, da mich Selbstmitleid haeufig nervt, hab's also gemacht.)

und auch:

"Das gefaellt, aber rein biographische Romane gehen nicht mehr so gut - koennen wir das etwas anders anlegen?" (Fand ich schade, war aber froh, dass mir so etwas rechtzeitig gesagt und mit mir zusammen ueberlegt wird, was man da machen kann.)

[Achtung: Alle Beispiele leicht abgewandelt, also bitte nicht auf den Inhalt der Beispiele eingehen.]

Solche Dinge finde ich hilfreich und sinnvoll - die gehoeren zum Arbeitsfeld des Lektors und helfen, das Gleichgewicht zwischen Story-Autor-Leser auszuschaukeln. Wer lektoratsresistent auftritt, ist schnell draussen. Und das zu Recht, finde ich: Lektoren sind klasse gegen Betriebsblindheit und Unerfahrenheit. Und die Geschichte sollte ihnen ebenso wichtig sein wie dem Autor.

Wenn man allerdings das Gefuehl hat, man muesse sich gegen seinen Lektor "wehren", um die eigene Story zu schuetzen (gibt's natuerlich auch), plaediere ich fuer Lektor- bzw. Verlagswechsel.
Eine am Reissbrett gebastelte Geschichte ("da machen wir jetzt noch mal'n Mann mit Muskeln und vier Sexszenen und drei entfuehrte Jungfrauen, eine Verschwoerung von boesen Kardinaelen und einen unheimlich geilen Papst rein und dann ruehren wir das ganze um") wird sich, denke ich, sehr schnell als das entpuppen, was sie ist: Keine Geschichte.
So doof sind doch wir Leser nicht. Wir wollen doch, dass uns einer was erzaehlt, der auch was zu erzaehlen hat. Mit eigenem Kopf und Macken und Ecken. Aber auch mit der Faehigkeit, klugen Rat anzunehmen.

Herzlich,
Charlie

Codename "Max" 28. Januar 2012

Cristin AW: Iny Lorentz 09.09.2010, 11:48 Uhr
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Charlies Erfahrungen kann ich nur bestätigen.
Ich glaube sogar, dass Lektoren Einspruch erheben würden, wenn alle fünfzig Seiten vergewaltigt oder zerstückelt wird. *g* Niemand hat uns auch nur andeutungsweise darauf hingewiesen, bei uns wäre zu viel oder zu wenig Sex drin und wir sollten das ändern. Letztlich sollte es die Story sein, die jene Szenen braucht - in welcher Intensität auch immer - oder eben nicht. Ein Autor, der wahllos "sex sells" betreibt, wirkt schnell wenig überzeugend und verliert an Lesern.

Was wir gerade erlebt haben, ist ähnlich wie bei Charlie: Bitte, da ist zu viel Leid die letzten vierzig Seiten, wir bracuehn zwischendurch mal wieder ein Lichtblick.
Und Peter und ich konnten nur vollen Herzens zustimmen, nachdem wir die Passage noch nachgelesen haben.

Gott schütze die Lektoren, sie sind wahre Engel auf dem Weg zum fertigen Buch!

Liebe Grüße
Iris
UlfSchiewe AW: Iny Lorentz 09.09.2010, 12:44 Uhr
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Da kann ich mich nur anschließen. Ich bin vom Verlag noch nie zu etwas gedrängelt worden. Meine externe Lektorin hat dagegen mit gelegentlichen nützlichen Hinweisen aufgewartet, die ich nicht immer aber doch zu 90% dankend umgesetzt habe. Ein gutes Lektorat macht das Buch besser.

LG
Ulf

"Der Bastard von Tolosa", Droemer 2009 "Die Comtessa", Droemer 2011 (April) www.ulfschiewe.de http://ulfschiewe.wordpress.com

tassieteufel AW: Iny Lorentz 09.09.2010, 13:03 Uhr
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schön zu hören *Daumen hoch* und danke für die vielen Antworten, das ist ja schon mal ganz aufschlußreich...

Der wahre Zweck eines Buches ist, den Geist hinterrücks zu eignem Denken zu verleiten. -Christopfer Morley-

adhara AW: Iny Lorentz 09.09.2010, 13:49 Uhr
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*Daumen hoch* Hey, das war jetzt wirklich spannend zu lesen - und es tritt auch den Gerüchten entgegen, die diesbezüglich kursieren. Allerdings habe ich auch schon von Debütanten gehört, die eine oder andere Szene wäre auf Wunsch des Verlags so deftig ausgefallen. Kann es sein, dass sich hier jemand nicht traut, zu seiner eigenen Geschichte zu stehen?

Am letzten Historica-Podium (eine sehr interessante Diskussion, die leider viel zu kurz war) hat Maiken Nielsen allerdings erzählt, dass sie vom Verlag aufgefordert worden sei, ihre im 19. Jahrhundert spielende Geschichte ins Mittelalter zu versetzen, weil sich diese Epoche besser verkaufe. Zum Glück für uns Leserinnen und Leser ist die Autorin bei ihrer Geschichte geblieben (Das siebte Werk). Mich hat es halt etwas nachdenklich gemacht.
paperbackwriter AW: Iny Lorentz 09.09.2010, 13:57 Uhr
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Am letzten Historica-Podium (eine sehr interessante Diskussion, die leider viel zu kurz war) hat Maiken Nielsen allerdings erzählt, dass sie vom Verlag aufgefordert worden sei, ihre im 19. Jahrhundert spielende Geschichte ins Mittelalter zu versetzen, weil sich diese Epoche besser verkaufe. Zum Glück für uns Leserinnen und Leser ist die Autorin bei ihrer Geschichte geblieben (Das siebte Werk). Mich hat es halt etwas nachdenklich gemacht.


Stimmt, da war ich auch dabei. Dass sich manche Epochen nicht gut verkaufen, hört man immer wieder. Und dass Verlage Bücher nicht nur veröffentlichen, sondern auch verkaufen möchten, dürfte verständlich sein.
Das war aber nicht die Frage von Tassie, ihr ging es um Sexszenen.
CharlieLyne AW: Iny Lorentz 09.09.2010, 14:27 Uhr
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Ja, Adhara. So etwas gibt es.
Ich habe das ja auch mal erzaehlt - meinen Koenig Raedwald-Roman aus Fruehmittelalter-England wollte der Verlag nicht, weil man an der Verkaeuflichkeit zweifelte (und damit sicher recht hatte. Es rechnet sich einfach fuer uns alle - Verleger, Agenten, Autoren - nicht, wenn nur eine sehr kleine Zielgruppe sich das Thema wuenscht. Dazu sind historische Romane einfach zu aufwendig und zu teuer. Die Recherche - Reisen, Buecher, Dokumente - kostet ein Vermoegen, vom zeitlichen Aufwand ganz zu schweigen).

Der Vorschlag, die Geschichte zu verlegen, wurde mir allerdings gemacht, in dem Fall haette ich, glaube ich, an den Geschichtskenntnissen und dem Geschichtsinteresse des Verlags gezweifelt - wozu ich aber nicht den geringsten Grund habe.
Es wurde eben einfach das andere Projekt, das in etwas beliebterer Zeit spielt, ausgewaehlt.

Ich bin auch dafuer dankbar, weil ich mir einfach keine ganz grossen finanziellen Reinfaelle leisten kann. Ich traeume davon, mir irgendwann einen schoenen kleinen Verlag suchen zu koennen, der genau das auch verkaufen moechte, was ich erzaehlen will. Aber ich glaube, das ist so realistisch wie der Traum vom Lottogewinn. Zumindest solange meine Kinder noch in Studium und Schule stecken.

Mein Agent macht das ebenso. Er sagt ganz klar: Wenn Sie das wollen, gehe ich mit Ihnen das Risiko ein. Aber Ihren finanziellen Aufwand bekommen Sie damit nicht eingespielt. Ich finde das fair. Die Entscheidung bleibt mir ueberlassen.
Und die Kollegen, Verleger und Agenten, die das Wagnis dann doch eingehen (nein, ich schau jetzt zu niemandem 'rueber ...), haben meine Bewunderung.

Herzlich,
Charlie

Codename "Max" 28. Januar 2012

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