Rund ums Genre Historischer Roman » Ghostwriter in der Literatur
| Restitutus | Ghostwriter in der Literatur | 19.05.2009, 11:16 Uhr |
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Ich leite das wegen Themenwechsels mal um aus dem "Warum haben Autoren häufig Pseudonyme?"-Thread: Wie steht ihr zu Ghostwriting im Literaturbetrieb? Es ist ja ein relativ häufiges Phänomen: Selbst Größen wie H. P. Lovecraft wurden als Ghostwriter tätig (für Harry Houdini). Tom Clancy beschäftigt neuerdings einen Ghostwriter (Raymond Benson), Wolfgang Hohlbein wird (unbestätigt) gleich ein ganzer Stab von Ghostwritern nachgesagt, genauso wie James H. Michener. Im deutschsprachigen Raum besonders bekannt ist die "???"-Reihe, die bis heute unter dem Autorennamen "Alfred Hitchcock" erscheint, obwohl (1) der Mann seit Jahrzehnten tot ist, (2) er meines Wissens nie einen einzigen Band davon verfasst hat. Mittlerweile ist man hier dazu übergegangen, die Ghostwriter im Innenteil namentlich zu nennen, anfangs war das nicht der Fall. Wie steht ihr dazu? Ist Ghostwriting in der Literatur, wie ich finde, ein Geschäft wie alle anderen oder, wie Lesemoni im anderen Thread meinte, "eine Beleidigung sondergleichen?" "Bei schriftstellerischen Arbeiten erholt man sich nicht, das kann ich Dir aus zehnjähriger Erfahrung für gewiß versichern, und bei Lieblingsarbeiten verdient man wenig." - Friedrich von Schiller an Christian Gottfried Körner, 4.10.1792 |
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| Restitutus | AW: Ghostwriter in der Literatur | 19.05.2009, 18:21 Uhr |
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Vito schrieb dies im "Pseudonyme"-Thread:
Ich kann mir schon denken, wen du meinst. Aber wertet das die Bücher denn ab? Im genannten Fall wohl eher auf... Aber fühlst du dich denn auch veräppelt, wenn du erfährst, dass hinter "Iny Lorentz" auch ihr Mann als Ghostwriter steht, hinter "David Eddings" auch dessen Frau, dass Truman Capote angeblich als Ghostwriter an "To Kill a Mockingbird" arbeitete, dass der Autor der "Bourne-Identität", Robert Ludlum, obwohl längst verstorben, immer noch "veröffentlicht"? Im Verlagswesen ist das gang und gäbe, wenn verstorbene berühmte Autoren unvollendete Werke hinterlassen. Isaac Asimovs Letztling "Forward to Foundation" ist ein berühmtes Beispiel. Und selbst Päpste haben in der Vergangenheit ohne Schaden Ghostwriter benutzt - unser guter alter Ratzinger war beim Zweiten Vatikanischen Konzil der Ghostwriter einer Rede des Kölner Erzbischofs Frings! Wie viele fühlten sich da wohl veräppelt? Hier ist mal ein informativer Link zum Thema Ghostwriting. "Bei schriftstellerischen Arbeiten erholt man sich nicht, das kann ich Dir aus zehnjähriger Erfahrung für gewiß versichern, und bei Lieblingsarbeiten verdient man wenig." - Friedrich von Schiller an Christian Gottfried Körner, 4.10.1792 |
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| Vito | AW: Ghostwriter in der Literatur | 19.05.2009, 18:38 Uhr |
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Ghostwriter sind keine "Straftäter" und warum soll man sein Geld nicht so verdienen . Ich möchte da Niemanden kriminalisieren oder brotlos machen . Nur als Leser eines bestimmten Autors sollte ich doch davon ausgehen können das der auf dem Umschlag steht auch das Buch geschrieben hat ... (Vielleicht bin ich da auch was engstirnig) Für mich gehören die Schriftsteller die an einem Buch geschrieben haben auf den Cover. Soweit ich weiß steht Clancys Ghostwriter inzwischen MIT auf den Büchern ... |
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| Vito | AW: Ghostwriter in der Literatur | 19.05.2009, 19:33 Uhr |
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Ohne das ich mich am Thema Namensnennung "aufhänge" , Bei Wikipedia findet man folgendes dazu : Namensnennung In den meisten Fällen erscheint der Ghostwriter weder auf dem Bucheinband, noch in der Titelei. Gelegentlich werden, vor allem, wenn ein bekannter Journalist als Ghostwriter gewonnen wurde, beide Namen angeführt. Üblich ist es jedoch, den Ghostwriter zumindest in einer Danksagung, gelegentlich auch im Impressum des Buches, namentlich zu erwähnen. Neuerdings bürgert es sich ein, den eigentlichen Autor aus dem Status des Ghostwriters zu entheben und ihn als Koautor auf der Buchvorderseite zu erwähnen: "X (der Prominente) mit Y (der nichtprominente Autor)". Für den Auftraggeber eines Textes, der von einer fremden Person erstellt wurde, können erhebliche Risiken entstehen. So ist es möglich, dass der Ghostwriter unsorgfältig recherchiert, Ergebnisse erfindet oder gar Teile des Textes bei anderen Autoren abschreibt. Hier der ganze Artikel : de.wikipedia.org/ wiki/ Ghostwriter |
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| Larna | AW: Ghostwriter in der Literatur | 19.05.2009, 19:57 Uhr |
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Für den Auftraggeber eines Textes, der von einer fremden Person erstellt wurde, können erhebliche Risiken entstehen. So ist es möglich, dass der Ghostwriter unsorgfältig recherchiert, Ergebnisse erfindet oder gar Teile des Textes bei anderen Autoren abschreibt. Ich war immer der Meinung, dass Ghostwriter gar nicht selber recherchieren müssen, sondern das Material nur "ausformulieren" und in "die richtige Form bringen" müssen. Z.B. wie eben Restitutus, der ja die ganzen technischen Angaben vermutlich von seinem Auftraggeber gestellt bekommt und muss sie halt in Handbuchformat umwandeln. Oder so Leute, wie Charlie sie erwähnt hat, die ihr Fachgebiet haben und zwar Sachbücher aber z.B. keine Romane schreiben können/wollen und damit jemanden beauftragen. Das Material stammt ja dann von ihnen und der Ghostwriter macht daraus ein Buch. Ich bin immer davon ausgegangen, dass der Autor seinen Ghostwriter bei der Erschaffung seines Werkes begleitet. Oder gibt es wirklich Leute, die sagen: "He, schreib mir mal ein Buch über XYZ, das ich veröffentlichen kann"? Lieben Gruß Larna "Lieber Orangenhaut als gar kein Profil" (Ina Müller) |
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| trude | AW: Ghostwriter in der Literatur | 19.05.2009, 20:31 Uhr |
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Ich bin ganz allgemein der Meinung, es sollte auch draufstehen wer reingeschrieben hat. Soll heißen, wenn ich ein Buch veröffendlichen möchte, es aber nicht kann oder will und jemanden damit beauftrage, dann sollte doch auch der Schreiber und nicht der Ideengeber auf dem Cover stehen. Meinethalben Autor XY nach einer Idee von YZ. Aber ein Buch von jemandem schreiben zu lassen und es dann unter seinem Namen zu veröffendlichen finde ich feige! Da hat sich jemand echt mühe gegeben und wird nun nicht mehr erwähnt |
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| CharlieLyne | AW: Ghostwriter in der Literatur | 19.05.2009, 21:00 Uhr |
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Das weiss ich nicht, Larna. Ich weiss nur, dass alle Kunden, die ich bisher (ich ghoste seit zwanzig Jahren) hatte, es so machen, wie Du es gedacht hast: Sie begleiten mich beim Schreiben Ihres Buches. Sie bleiben der Autor (der sich eben einen Fachmann fuer DIESE Art des Schreibens nimmt, wie ich mir einen Tapezierer fuer meinen doofen komplizierten Dachboden nehme, weil ich das selbst nicht kann), derjenige, der die Buchidee entwickelt und dem sie am Herzen liegt. Ghosten ist - jedenfalls habe ich es so erlebt - partnerschaftliches Zuarbeiten mit - in der Regel - erfreulichem Ergebnis fuer beide Teile. Fuer mich war es in weit mehr als neunzig Prozent aller Faelle ein tolles Erlebnis, bei dem ich vom kreativen Potential und dem Wissen eines ganz anderen Autors profitieren durfte (und er hoffentlich von meinem Potential) und viel gelernt habe. Ganz abgesehen davon ist es Arbeit, die sehr angemessen bezahlt wird und schon deshalb auf Augenhoehe geschieht. Es ist im Uebrigen ganz und gar nicht so, dass da jemand ein Buch "von mir schreiben laesst und dann seinen Namen draufsetzt". Um so ein Buch zu entwickeln braucht es viele Monate, wenn nicht Jahre. Ich setze mich hin, erhalte das komplette Material und schreibe es. Dazu bin ich ausgebildet und habe jede Menge Erfahrung - wie ein Koch jede Menge Erfahrung im Kochen hat. Aber deshalb noch lange keine Haute Cuisine kreieren kann oder will oder weiss-ich. Es ist nicht mein Buch, weil ich jemandes Ideen ein textliches Gewand gegeben habe. Es ist ein Buch, zu dem ich etwas beitragen durfte. Und seit ich nur noch Projekte uebernehmen muss, zu denen ich richtig Lust habe, finde ich das erfreulich und lehrreich fuer beide Seiten. Herzliche Gruesse von Charlie Codename "Max" 28. Januar 2012 |
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| Tringin | AW: Ghostwriter in der Literatur | 19.05.2009, 21:07 Uhr |
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Letztlich muss man ordentlich differenziere zwischen Belletristik, populären Sachbüchern und Fachliteratur etc. Bei den meisten "Promis" z.B. ist doch eigentlich klar, dass sie nicht die Zeit oder das Know-how haben, selber etwas zu Papier zu bringen. Sie werden auch nicht groß recherchiert oder redigiert haben (dafür haben sie dann wiederum Persönliche Assistenten). Selbst wenn also der Co-Autor nicht drauf steht, kann man in den meisten Fällen doch wohl ziemlich sicher sein, dass es einen gegeben hat! Wenn ich ordentlich bezahlt würde und ich eine gewisse Wertschätzung erfahren würde (Impressum, Danksagung), hätte ich nichts gegen das Ghostwriter-Dasein im Falle der von Restitutus beschriebenen Manuals/Handbücher oder bei Politiker-Reden). Das ist eine ehrbarere und auch verdammt notwendige Tätigkeit, die viel Wissen und Einfühlunsgvermögen voraussetzt. Im "hochwertigen" belletristischen Bereich finde ich es schon etwas grenzwertiger, denn ich denke, in jeden Titel fließt auch viel Persönliches des Autors ein. Und dann käme ich mir als "Konsument" schon etwas verschaukelt vor, wenn der "Große Autor XY" in Wahrheit jemand ist, der so tut als wäre er XY. Bei der - ich nenne es jetzt mal etwas despektierlich - "Fließband-Belletristik" ist es letztlich egal, welcher Name drauf steht, denn der Autor ist hier eher eine "Marke" als eine Persönlichkeit (s. das ???-Beispiel). Wichtig finde ich die "Verlässlichkeit" des Ghostwriters hinsichtlich Quellen und Richtigkeit seiner Ausführungen. Das kann für den "Autor" auch bös nach hinten losgehen, wenn's da hakt (soll ja auch schon vorgekommen sein). |
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| Larna | AW: Ghostwriter in der Literatur | 19.05.2009, 21:07 Uhr |
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@Charlie Danke für die ausführliche Erklärung. Du hast recht, ein Buch ist natürlich viel mehr als das eigentliche Schreiben. Die Idee, die Recherche..., da steckt viel drinnen. Lieben Gruß Larna "Lieber Orangenhaut als gar kein Profil" (Ina Müller) |
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| Restitutus | AW: Ghostwriter in der Literatur | 19.05.2009, 21:50 Uhr |
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Beides kann vorkommen. Bei manchen Projekten bekomme ich präzise Daten geliefert, bei anderen habe ich aber auch nur die Software bekommen und am Bildschirm die ganzen Knöpfe durchgedaddelt, um herauszufinden, was sie eigentlich bewirken. Genau so gibt es literarische Ghostwriter, die nur ein Exposee von 25 Seiten geliefert bekommen und die übrigen 400 selbst erledigen müssen. Bei den "Römern an Rhein und Main" schließlich bin ich unfreiwillig zum Ghostwriter geworden, weil der Verlagsgrafiker schlicht vergessen hat, mich mit aufs Cover zu schreiben. Ad Astra, Restitutus "Bei schriftstellerischen Arbeiten erholt man sich nicht, das kann ich Dir aus zehnjähriger Erfahrung für gewiß versichern, und bei Lieblingsarbeiten verdient man wenig." - Friedrich von Schiller an Christian Gottfried Körner, 4.10.1792 |
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