Rund ums Genre Historischer Roman » Historisch korrekte Romane?
| Salim | Historisch korrekte Romane? | 02.07.2011, 16:29 Uhr |
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Hallo Leser, seit langem suche ich in den Bücherregalen der Händler nach historischem Lesestoff in Geschichtsform, der hält was sein Genre verspricht. Zumindest für mich macht einen historischen Roman eine gewisse historische Authentizität aus und nicht der bloße Fakt, dass seine Protagonisten ihr Dasein in längst vergangenen Zeiten fristen. Doch selbst Bücher mit zunächst scheinbar plausibel umgesetzten Geschichten entpuppen sich nach längerer Recherche oft als besseres Fantasywerk, nur eben ohne Zwerge, Elfen und Drachen. Wenn ich einen historischen Roman lese in dem Personen, Sitten oder Geschnisse der realen Welt vorkommen, möchte ich dies zumindest grob (natürlich nicht aufs Wort genau) für bare Münze nehmen können. Gibt es solche Romane überhaupt? Welche Autoren könnt ihr empfehlen, die für ihre Werke wirklich gründlich recherchieren, vielleicht sogar selbst Historiker sind und deren Schilderungen so einen gewissen Wert erhalten? Die Zeit spielt dabei nahezu keine Rolle, täte sich doch wenigstens endliche in Buch auf, was diese Kriterien erfüllt, und nicht nur in die Verlagswunsch- und Klischeetöpfe greift, um daraus zauberhafte, unterdrückte Heldinnen, schwarz-weiß gemalte Herrscher, überzeichnete Geheimbruderschaften oder rosa-rot gefärbte Ritterwelten heraus zu ziehen. Hilfe! Bitte! |
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| MelanieMetzenthin | AW: Historisch korrekte Romane? | 02.07.2011, 16:41 Uhr |
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Da gibt es etliche Bücher. Meine Favoriten sind die von Iris Kammerer Gruß, Melanie Die Sündenheilerin, Juli 2011 (Piper) |
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| Salim | AW: Historisch korrekte Romane? | 02.07.2011, 17:06 Uhr |
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Hallo Melanie, ich habe mir mal die Frau Kammerer hier auf Histo-Couch und stehe nun vor genau dem Problem, vor dem ich so häufig stehe. Erstes Buch herausgesucht (Tribun), Klappentext gelesen, mit sehr skeptischer Miene zurückgelassen. Man möge mich korrigieren wenn ich falsch liege, ich bin kein Historiker, aber alleine die Geschichtsbeschreibugn wirkt auf mich sehr unrealistisch. Da soll ein Tribun durch die germanischen Wälder eilen um Varus vor dem bekannten Hinterhalt zu warnen, wird aber aufgehalten und gefangen genommen. Da ich das Buch ja nun nicht gelesen habe, kann ich es nicht beurteilen, aber in meinem Kopf wirf sich vor allem eine Frage auf: Wieso wird da solch ein Tribun erfunden? Was weiß er von dem Hinterhalt, wieso und aber vor allem: Wieso wird er aufgehalten? Historisch belegt ist, dass Varus nämlich sehrwohl über den geplanten Hinterhalt informiert war und das diese Informationen wahrscheinlich von Segestes, Arminius Schwiegervater stammten, der auf eben diesen nicht gut zu sprechen war. Möglich natürlich, dass es auch noch einen Tribun gab, der davon Wind bekam und die gleiche Meldung, weniger erfolgreich, überbringen wollte. (Mal ganz davon abgesehen, dass ich mich Frage, wie eine so wichtige Person aus einer Legion einfach verschwinden kann?) - Was kann ich also von dem Buch erwarten? Der Klappentext zumindest, lässt eine historisch korrekte Umsetzugn des Themas nicht vermuten. Bitte versteh mich nicht falsch, ich bin sehr froh über deinen Tip und möchte das Buch auch nicht schlecht machen. Dieses Beispiel eigent sich nur hervorragend um zu zeigen, wie ratlos ich meist vor den Verkaufsregalen stehe ;) Vielleicht hast du es ja gelesen, oder weißt etwas darüber, was es mit dieser erst merkwürdig scheinenden Geschichte auf sich hat, oder jemand anders zeigt mir, dass ich auf dem Holzweg bin. In jedem Fall bin ich gespannt auf weitere Antworten und Vorschläge (: Grüße Salim |
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| trude | AW: Historisch korrekte Romane? | 02.07.2011, 17:55 Uhr |
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Ich denke, wenn ich ein Buch lese, was in einer längst vergangenen Zeit spielt, muß ich einfach damit rechnen, das der Autor sich einige künsterische Freiheiten nimmt, schließlich war niemand von uns dabei. Versuch es doch mal mit Rebecca Gablé oder Charlotte Lyne. Bei beiden Autorinnen sind die Hauptprotagonisten für gewöhnlich frei erfundene Persönlichkeiten, aber meiner Meinung nach stimmen die historischen Eckdaten. Und den Varus von Iris Kammerer kann ich auch wirklich empfehlen. |
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| MelanieMetzenthin | AW: Historisch korrekte Romane? | 02.07.2011, 18:11 Uhr |
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Mir hat der Tribun sehr gut gefallen, denn es wird alles logisch nachvollziehbar aufgebaut - so hätte es gewesen sein können. Man muss auch folgendes berücksichtigen: Ein Roman ist etwas anderes als ein Geschichtsbuch und auch wenn die realen Handlungen spannend waren, so braucht man immer noch einen Plot, der das Ganze trägt, sprichs, die Handlung benötigt auch fiktive Personen, aus deren Sicht dann reale, historische Persönlichkeiten beschrieben werden. Jeder noch so gut recherchierte HR kann immer nur Fiktion sein, aber m.E. liegt die Kunst darin, dass dem Leser ein historisch korrektes Bild geboten werden muss, dass es so gewesen sein könnte. Das tun die drei hier genannten Autorinnen. Gruß, Melanie Die Sündenheilerin, Juli 2011 (Piper) |
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| maimonides | AW: Historisch korrekte Romane? | 02.07.2011, 18:39 Uhr |
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Also ich habe in diesem Jahr zwei historische Romane gelesen, die mich beide durch ihre geschichtliche Darstellung beeindruckt haben. Das eine war "Die zwöfte Nacht" von Charlotte Lyne - historisch meiner Meinung nach sehr nah an der Realität. Wir sind jedes Jahr vier bis fünf Wochen in England und so bleibt das Interesse für englische Geschichte nicht aus. Dazu habe ich auch eine Rezi geschrieben. Ws mir hier ausgesprochen gut gefällt ist die sehr differenzierte Darstellung der Personen und ihrer Ziele/Wünsche/Träume. Das zweite Buch ist von Marion Henneberg "Das Amulett der Wölfin". Hier gehts um deutsche Geschichte. Die Zeit als Lothar III. Kaiser des Heiligen Römischen Reiches war, dann starb und seine Frau Richenza versuhte die Macht in der Familie zu halten, daran aber scheiterte und mit Konrad III. ein Staufer die Macht übernahm - bildet den historischen Rahmen der Geschichte. Ein Buch das mich überzeugt hat. Auch hier sind die historischen Hintergründe sehr gut verarbeitet worden. Ansonsten gibt es aber mit Sicherheit eine ganze Reihe weiterer guter historischer Romane. Das sind nur meine absolut positiven Erfahrungen der letzten Zeit. |
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| olympia | AW: Historisch korrekte Romane? | 02.07.2011, 18:43 Uhr |
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Hallo Salim (mein Pferd hieß auch Salim - ist aber schon Jahre her also mit Iris Kammerer hast du eine sehr gute Richtung eingeschlagen. Sie gehört zu den Autoren die immenses Fachwissen haben und extrem bemüht sind alles stimmig wiederzugeben. Ich selbst bin ziemlich penibel was historische Korrektheit angeht, wenngleich ich mit fiktiven Figuren kein Problem habe. Wie Melanie schon schrieb, braucht der Autor auch einen Plot, Figuren, um die er seine Geschichte bauen kann. Würde man jetzt nur historisch belegte Figuren nehmen, würde es bald ziemlich mager aussehen, denn 1. wären in vielen Büchern dann ziemlich ähnliche Geschichten (was es natürlich auch so gibt) und 2. wäre dies - wenn auch in einem großen Feld - dennoch nur beschränkt möglich, da es nicht von allen historischen Persönlichkeiten so genaue Aufzeichnungen gibt, dass man einen Roman schreiben kann, zumindest keinen, bei dem nun alles absolut korrekt ist. Gewisse Freiheiten muss man einem Autor zugestehen. Mich stört es auch, wenn jetzt im 12. JH die Leute bei Tisch sitzen und mit Messer und Gabel einen Braten mit Kartoffeln verspeisen..... Wichtig ist mir, dass der Autor den Rahmen authentisch behält und die Geschichten seiner Figuren so erzählt, dass man sagen kann: Ja, genauso hätte es sein können. Von Iris Kammerer kann ich dir auch "Varus" empfehlen. Zu empfehlen wäre aber auch von Philippa Gregory "Die Königin der weißen Rose" oder Elmar Bereuters "Felders Traum". Auch alle Bücher von Asta Scheib. Da du alles so stimmig haben möchtest, könnte ich mir vorstellen, dass dir die Roman-Biografien von Irving Stone gefallen. Er schrieb jede Menge über historische Persönlichkeiten wie Sigmiund Freud, Michelangelo, Charles Darwin.... Nichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie der Verstand. Jeder meint, dass er genug davon hat. R. Descartes |
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| IrisKammerer | AW: Historisch korrekte Romane? | 02.07.2011, 19:18 Uhr |
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Hallo, Salim! Erst einmal herzlich willkommen! Da es sich um "mein" Buch handelt, darf ich mich sicher einmischen. Wieso wird da solch ein Tribun erfunden? Was weiß er von dem Hinterhalt, wieso und aber vor allem: Wieso wird er aufgehalten? Historisch belegt ist, dass Varus nämlich sehrwohl über den geplanten Hinterhalt informiert war und das diese Informationen wahrscheinlich von Segestes, Arminius Schwiegervater stammten, der auf eben diesen nicht gut zu sprechen war. Zunächst einmal: Klappentexte sind Werbetexte - sie sollen mögliche Leser auf den Inhalt des Buches neugierig machen. Sie sind keine echten Inhaltsangaben. Das soll nichts rechtfertigen, sondern nur erklären, warum man aus Klappentexten ohnehin nicht viel herauslesen kann außer Stichpunkten. Zweitens möchte ich unterstreichen, was Melanie bereits sagte: Ein historischer Roman - ganz gleich wie dicht er am aktuellen Forschungsstand entlang recherchiert ist - ist keine populärwissenschaftliche Aufarbeitung des Themas, sondern zu allererst ein Roman. Und da halte ich mich an den guten alten Aristoteles: Der Historiker zählt auf, was eine historische Figur gemacht hat, beschreibt politische, soziale u.a. Entwicklungen - der Schriftsteller stellt sich die Frage, was das für Leute sind, die diese Ereignisse verursachten und Entwicklungen in Gang setzten. Und meistens ist es noch viel interessanter, fiktive oder weniger bekannte historische Personen, die diese Ereignisse und Entwicklungen erlebten, zu beobachten, wie sie die Dinge erlebten, wie sie damit umzugehen versuchten. Das sagt m.A.n. viel mehr über die jeweilige Zeit aus - und zugleich hat es viel mehr mit uns heutigen Menschen zu tun als eine reine sachtextliche Darstellung, weil wir mit den Figuren mitfühlen, uns in sie hineinversetzen können. Ich persönlich empfehle eigentlich immer, mit dem "Varus" anzufangen und dann erst die Trilogie ("Der Tribun", "Die Schwerter des Tiberius", "Wolf und Adler") zu lesen, dann hat man die chronologische Reihenfolge der Ereignisse zwischen 9 und 16 n.Chr. "Und Hochmut ists, wodurch die Engel fielen, Woran der Höllengeist die Menschen fasst." (Friedrich Schiller, Die Jungfrau von Orléans) |
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| monika62 | AW: Historisch korrekte Romane? | 03.07.2011, 07:50 Uhr |
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...die Bücher von Asta Scheib, kann ich auch nur empfehlen!!! ...auch Iris Kammerer ist immer sehr nah an der Geschichte und natürlich muss auch ein wenig Fiktion erlaubt sein!!!! Wenn man Engeln die Flügel bricht, fliegen sie auf Besen weiter ! |
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| CharlieLyne | AW: Historisch korrekte Romane? | 03.07.2011, 10:34 Uhr |
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Ich moechte mich der Empfehlung unbedingt anschliessen: "Historisch korrekt" ist dabei fuer mich ein problematischer Begriff. Zum einen steht uns nichts anderes zur Verfuegung als das, was die Forschung derzeit eben liefert, zum anderen liegen gerade im Bereich Alltagsrecherche gar nicht alle Informationen, die wir braeuchten, vor. Und zum dritten haben wir eine Dramaturgie zu bedienen. (Zum vierten - das sollte natuerlich zweitrangig sein - sind wir nur kleine Leutlein, die fehlbar sind und bleiben.) Mir ist wichtig, dass mir ein Autor das Gefuehl vermittelt, es sei ihm um sein Thema gegangen. Wenn jemand eine tolle Abenteuer- oder romantische Liebesgeschichte erzaehlen will, die zufaellig gut ins Mittelalter/die Antike/die Renaissance passt, kann der auch sehr gut und sorgsam recherchieren und jede Kartoffel oder Gabel rausschmeissen, mich wird das Buch trotzdem nicht sonderlich interessieren, weil ich die Historie in solchen Buechern (die ganz toll sein koennen und selbstredend ihre Berechtigung haben, die nur eben mich nicht so kratzen!) als Kulisse empfinde, nicht als Boden der Geschichte. "Historisch korrekt", was Gabeln und Kartoffeln betrifft, kann das aber trotzdem sein! Iris Kammerers Romane hingegen befassen sich jeweils mit einem historischen Thema, das sie mit einer lebendig erzaehlten Geschichte mir als Leser verstaendlicher machen und sehr nahe bringen. Dass ich danach erst recht Fachliteratur zu den Themen lesen will, rechne ich den Buechern als Plus, nicht als Minus an. Ich haette bei diesen Romanen auch kein grosses Roman mit einer fehlplatzierten Kartoffel, weil eben thematisch die Tiefe und grosse Sachkenntnis da ist, die ich mir vom historischen Roman wuensche. Davon abgesehen hab' ich zumindest keine solche Kartoffel bei Iris Kammerer gefunden. Die Mittelalterromane "Pfaffenkoenig" und "Blutsaeule" seien unbedingt auch erwaehnt. Ich hoffe, Du laesst Dich aller Klappentexte zum Trotz ueberzeugen und probierst es mal. Dass Du alles andere als enttaeuscht sein wirst, glaube ich eigentlich fest. (Ich hab meinen Bruder, der beim historischen Roman zur "Sowas les ich nicht"-Fraktion gehoert, auch zum Kammerer-Fan bekehren koennen.) Froehlichen Sonntag wuenscht Charlie Codename "Max" 28. Januar 2012 » Charlie |
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