Leserunden » AW: Teil 5 der LR "Im Lautlosen" (Seite 3)

 
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MelanieMetzenthinAW: Teil 5 der LR "Im Lautlosen"28.07.2017, 18:08 Uhr
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@Charlie

Ich bin halt anders sozialisiert worden, was die Bombenopfer angeht. Wenn du mit einem Vater aufgewachsen wärst, der als Kind schwer traumatisiert wurde, weil er im Kinderkrankenhaus als Neunjähriger lag und die Kinder dürfen normalerweise nicht mal aufstehen, müssen auch bei Fliegeralarm in den Betten bleiben, zumal es keine Platz in den Kellern gibt, da Krankenhäuser nicht darauf ausgerichtet waren, und dann wird dieses Krankenhaus ausgebombt - dann haben die Opfer ein Gesicht. Und wenn dieser kleine Junge dann als alter Mann kurz vor seinem Tod plötzlich im Hospiz Albträume von der Zeit bekommt, wenn er Zeit seines Lebens ein Problem mit Silvester hatte, dann nimmt man das ganz anders wahr. Für mich gibt es keine Opfer erster und zweiter Klasse. Ist ein Kind, nur weil es 1932 in Deutschland geboren wurde und seine ganze Kindheit mit Bombenangriffen leben musste, als Opfer weniger wert, als ein englisches oder französisches Kind?

Deshalb habe ich aus ganz persönlichen Gründen diese Meinung. Jeder mag das anders sehen, aber ich denke mit Grusel und Erschütterung an die Bombardierungen und finde es unerträglich, dass Arthur Harris ein Heldendenkmal gesetzt wurde.

Die Sündenheilerin, Juli 2011 (Piper) ***Schicksalsstürme, August 2012 (Piper) ***Die Reise der Sündenheilerin, August 2013 (Piper) ***Die Tochter der Sündenheilerin, März 2014 (Piper) ***Das Zeichen der Isis, September 2014 (Fahrenheit Books)

MelanieMetzenthinAW: Teil 5 der LR "Im Lautlosen"28.07.2017, 18:17 Uhr
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Zu den Verlegern - ich denke auch, da sind viele Ausreden bei gewesen. Auf jeden Fall freue ich mich, wenn es den Lesern gefällt und ihr mit den Figuren mitfiebern konntet und sie auch ein bisschen mochtet.
Charlie, dass du mit Fritz mitleiden konntest und so auch ein bisschen Mitleid mit den Bombenopfern hattest, freut mich sehr - eben weil ich das von frühester Kindheit an aus einer ganz anderen Perspektive erlebt habe - es gab bei uns immer zwei Zeitrechnungen - vor der Ausbombung und danach. Mein Vater konnte mir nie zeigen, wo und wie er als Kind lebte, weil der Stadtteil ausradiert worden war. Meine Mutter konnte mir auch nichts zeigen, die war aus Danzig geflohen und besitzt nicht einmal Kinderfotos.

Erst jetzt wird ja langsam auch von Therapeuten herausgearbeitet, wie der Krieg und das Kollektivtrauma noch auf die Bevölkerung und die Nachkommen wirkt.

Die Sündenheilerin, Juli 2011 (Piper) ***Schicksalsstürme, August 2012 (Piper) ***Die Reise der Sündenheilerin, August 2013 (Piper) ***Die Tochter der Sündenheilerin, März 2014 (Piper) ***Das Zeichen der Isis, September 2014 (Fahrenheit Books)

CharlieLyneAW: Teil 5 der LR "Im Lautlosen"28.07.2017, 18:28 Uhr
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Das ist komisch, dass du das erwähnst. Ich bin mit meinem Sohn (14) und meinem Neffen (16), der bei uns zu Besuch ist, da gerade auf einer Stadtrundfahrt dran vorbeigefahren, an dem Denkmal von Bomber Harris. Und natürlich finden wir das ganz genauso falsch wie du - und mein Sohn findet, es ist ein Hohn gegen die, die solche Denkmäler verdienen.
Das finden aber auch unsere Freunde in der RAF, die ihn nie Bomber Harris, sondern immer Butcher Harris nennen.
Ich denke, mit den Traumatisierungen unserer Eltern und Grosseltern leben wir und daraus ergeben sich Dinge, mit denen wir nicht gut umgehen können. (Und "weniger wert" ist dabei ja kein Kriterium, wie Du zweifellos besser weisst als ich - was uns nahe geht und was nicht, entscheiden wir ja nicht bewusst und gewollt.) Und ich habe das ja auch versucht anzudeuten - das hat bei mir extrem persönliche Gründe, die zweifellos mit den Traumata und den Todesopfern in meiner Familie zu tun haben.
Das muss man nicht gegeneinander aufwiegen, finde ich, sondern die Geschichten der Opfer, die einem als Erbe übergeben worden sind, zu erzählen versuchen, gegen die Sprachlosigkeit an. Und wenn man das kann, wenn das gelingt, wenn man es anderen nahebringen kann, wie es mit diesem Buch gelungen ist, ist es unendlich schön und man möchte es den Nachkommen aller Opfern wünschen.

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."Ararat - "Und sie werden nicht vergessen sein" - Knaur, 1. März 2016www.charlotte-lyne.com

CharlieLyneAW: Teil 5 der LR "Im Lautlosen"28.07.2017, 18:32 Uhr
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Wir haben uns überschnitten, Melanie.
Zu dem Thema, das du da anschneidest (das ist SO ein Thema fuer mich ...) möchte ich (jetzt leider leider in Eile) ganz schnell noch die Bücher von Sabine Bode "Kriegskinder" und "Kriegsenkel" empfehlen. Wie tief das in uns sitzt, ist unglaublich - und dass diese "ererbten Traumata" mehr und mehr wahrgenommen werden, ist fuer mich zumindest eine echte Erleichterung.

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MelanieMetzenthinAW: Teil 5 der LR "Im Lautlosen"28.07.2017, 19:00 Uhr
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Die Bücher von Sabine Bode kenne ich und der Ehemann einer unserer geschätzten Kolleginnen - Jens-Michael Wüstel - hat mit "Traumakinder" ja auch ein großartiges Buch zu dem Thema ererbter Traumata geschrieben.

Und klar, man kann das niemals gegeneinander aufrechnen - darum geht es aber auch gar nicht. Was ich wichtig finde - und aus sehr schön, dass wir das in dieser Diskussion so darstellen können - ist die Tatsache, dass jeder anders sozialisiert ist und dadurch andere wunde Punkte entwickelt hat. Wer beispielsweise aus einer Familie stammt, deren Mitglieder von den Nazis ausgelöscht wurden und vielleicht auch noch mitbekommen hat, wie scheinbar "ganz normale" Deutsche nichts dagegen getan haben, wird eine völlig andere gefühlsmäßige Wahrnehmung haben, als jemand, der aus einer Familie stammt, wo die Eltern selbst als Kinder unschuldige Opfer des Krieges waren. Die Sensibilisierungspunkte der Gefühlswelt sind unterschiedlich, auch wenn man vom Verstand her einer Meinung ist. Aber in unreflektierten Diskussionen (die wir hier ja zum Glück nicht führen, dafür schätze ich dieses Forum auch sehr) kann man dann schnell aneinander vorbei reden und denken, man stünde sich konträr in den Ansichten gegenüber - was aber in Wirklichkeit gar nicht Fall ist.

Was ich von meinem Vater, den ich sehr geliebt habe und der ein ganz großartiger Vater war, vor allem hinsichtlich der Bombenkriege mitgenommen habe, ist folgendes: Er sagte immer, es würde ihn wahnsinnig zornig machen, wenn in unserer Zeit irgendwelche Nationen - ganz gleich wer - meinen, durch Bombardierungen könnten sie irgendetwas besser machen. Ein paar Bomben werfen und gut - von wegen. Er hat mir immer - natürlich seine subjektiven Empfindungen - erzählt, wie sehr diese Bombardierungen von Wohngebieten den Hass geschürt haben - die Leute wurden nicht demoralisiert, sondern im Gegenteil, sie wurde wütend und waren dann für die agitatorischen Reden eines Goebbels viel empfänglicher. Weil sie das Unrecht gespürt haben. Mein Vater war immer davon überzeugt, dass diese Bombardierungen von Wohngebieten den Krieg verlängert haben. Weil dieser Terror die Gräuelpropaganda der Nazis, was passieren würde, wenn man den Krieg verliert, glaubhafter machte. Und deshalb zog er für die Gegenwart die Konsequenz daraus, dass Bombardements wie beispielsweise von den USA nach dem Attentat in der Disko in Berlin auf die lybischen Städte Tripolis und Bengasi 1986 durchgeführt, nur Hass schüren, aber nichts ändern und schon gar keinen Terror oder gar Krieg beenden. Ein Krieg könne nur durch Bodentruppen und Besetzung gewonnen werden. Man hat es ja auch in Vietnam gesehen. Oder 1991 im Irak. Oder wir sehen es jetzt in Syrien ... Es ist einfach gruselig, wo schon wieder eine ganze Generation traumatisiert wird.

Die Sündenheilerin, Juli 2011 (Piper) ***Schicksalsstürme, August 2012 (Piper) ***Die Reise der Sündenheilerin, August 2013 (Piper) ***Die Tochter der Sündenheilerin, März 2014 (Piper) ***Das Zeichen der Isis, September 2014 (Fahrenheit Books)

MelanieMetzenthinAW: Teil 5 der LR "Im Lautlosen"28.07.2017, 19:04 Uhr
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Ich weiß übrigens noch, wie wütend mein Vater war, als nach 9/11 der Krieg nach Afghanistan getragen wurde und man daraus einen Nato-Verteidigungsfall machte. Er meinte, das wären Terroristen gewesen und keine Kriegserklärung Afghanistans und fand das alles unverantwortlich, was danach passierte. Und wenn ich mir so ansehe - auch in Verbindung mit der Literatur von Scholl-Latour über die Sünden des Westens, dann ist es wirklich bedauerlich, dass hinsichtlich der Kriegsführung so wenig Lehren aus dem 2. Weltkrieg gezogen wurden ...

Die Sündenheilerin, Juli 2011 (Piper) ***Schicksalsstürme, August 2012 (Piper) ***Die Reise der Sündenheilerin, August 2013 (Piper) ***Die Tochter der Sündenheilerin, März 2014 (Piper) ***Das Zeichen der Isis, September 2014 (Fahrenheit Books)

CharlieLyneAW: Teil 5 der LR "Im Lautlosen"28.07.2017, 19:12 Uhr
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Das finde ich als Fazit sehr schön, Melanie.
Wir beide als Töchter von wundervollen, sehr geliebten Vätern können uns hier - glaube ich - trotz ganz anderer Art von Betroffenheit gut verstehen.

Ich glaub', das hat mich ohnehin als erstes an dein Buch gefesselt: Die zwei Väter.
(Wie Paulas Vater schliesslich sich selbst in Richard sieht - darin hab ich meinen gesehen. Mein Vater hat vier Söhne. Aber am ähnlichsten ist ihm - mein Mann.)

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MelanieMetzenthinAW: Teil 5 der LR "Im Lautlosen"28.07.2017, 19:27 Uhr
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Ja, die Väter sind schon wichtig - in der Realität ebenso wie bei der Entwicklung unserer Romanfiguren. Das hast du in deinem Roman ja auch sehr schön mit der väterlosen Generation gezeigt, die nicht die Möglichkeit des Lernens am Modell hatten.

Und um noch mal zu was Positivem zu kommen: Fritz wird im Fortsetzungsband nicht nur für Harri ein guter Vater bleiben (vielleicht sogar ein bisschen zu gut und verwöhnend, weil er meint, viel gut machen zu müssen und dann schleppt er 1945 zu Weihnachten einen Dackel an und es gibt riesigen Knatsch mit Richard, weil der meint, sie hätten nicht mal für sich selbst genug zu essen und keine Ahnung hat, wie sie den Hund jetzt auch noch ernähren sollen), sondern zu einem gleichwertigen Protagonisten neben Paula und Richard werden, der seine eigene Perspektive bekommt und eine neue Liebe findet ... Die Wunden des Krieges bleiben, aber sie vernarben und lassen ihn sein Leben weiter erfolgreich und optimistisch anpacken.

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CharlieLyneAW: Teil 5 der LR "Im Lautlosen"28.07.2017, 19:29 Uhr
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Du spoilerst!!!

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MelanieMetzenthinAW: Teil 5 der LR "Im Lautlosen"28.07.2017, 19:34 Uhr
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Na ja, was den Hund angeht spoilere ich nur aus den ersten fünf Seiten *zwinkert*.

Und dass Fritz - der ist immerhin Arzt und als Jahrgang 1902 im Jahr 1946 ja noch ein junger Spund von 44 Jahren ist, sich noch mal verlieben könnte, sollte auch klar sein, oder? Männer waren damals ja knapp *zwinkert*.

Die liebenswerteste Tat, die er vollbringt, die auch was mit Vätern zu tun hat, die verrate ich hier aber nicht!

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