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LarnaTeil 5 der LR "Im Lautlosen"23.07.2017, 14:11 Uhr
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Hier kommt der fünfte und auch schon der letzte Teil unserer LR zu "Im Lautlosen" von und mit Melanie Metzenthin.

Der fünfte Teil bezieht sich auf die Kapitel 52 bis Ende (Seite 448 bis Ende)

Ich hoffe, die Runde und das Buch haben euch viel Spaß gemacht! *grinst*

Wer möchte, darf gerne hier (und auch überall anders) eine Rezension einstellen als Dankeschön für Melanie, weil sie die Runde begleitet hat.

Hier noch die obligatorische SPOILERWARNUNG: In dieser LR wird über den Inhalt diskutiert und Details werden verraten. Wer also das Buch noch unvoreingenommen lesen möchte, sollte hier nicht weiterschauen! *zwinkert*

"Die Geschichte ist der beste Lehrer mit den unaufmerksamsten Schülern" (Indira Ghandi)

tomaAW: Teil 5 der LR "Im Lautlosen"25.07.2017, 23:29 Uhr
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Ich habe das Buch vorhin beendet ... hätte auch sonst nicht schlafen können, denn Teil 4 war wirklich sehr heftig und ich musste unbedingt wissen, dass die Geschichte einigermaßen positiv ausgeht.
Ich hatte ja die leise Hoffnung ... ganz ehrlich ... dass vielleicht doch noch jemand von Fritz´ Familie überlebt hat. In den Wirren der Bombennächte passierte es ja öfter einmal, dass Menschen vermisst und später doch noch lebend wieder gefunden wurden. Es freut mich so sehr, dass Fritz wenigstens seinen Sohn behalten durfte !

Richard und Paula haben sich wieder und auch Karl kommt heil nach Hause und bringt gleich Frau und Kind mit.
Sie haben viel verloren, aber alles ist zu ertragen, wenn man seine Lieben um sich hat.

Es muss Richard eine große Genugtuung sein, dass er Dr. Krügers Machenschaften aufdecken konnte und der HOFFENTLICH dafür bestraft wird. Solche Mörder dürften nie wieder als Ärzte praktizieren. Leider wissen wir, wie auch im Nachwort zu lesen ist, dass die meisten ungestraft davon gekommen sind.

Ich bin sehr froh, dass das Buch positiv und hoffnungsvoll endet. Einige Szenen waren wirklich sehr schwer zu ertragen, zwischendurch hatte ich auch ein paar Mal feuchte Augen, zum Glück waren auch ein paar Freudentränen dabei ... für Fritz und Harri.

Ich habe das Buch praktisch "in einem Rutsch" gelesen, weil es mich so gefesselt und berührt hat. Selbst wenn ich zwischendurch mal etwas anderes gemacht habe ... man(n) muss ja auch mal essen ... ging es mir nicht aus dem Kopf. Ich werde sicher noch lange darüber nachdenken ... vielleicht schreibe ich später noch etwas dazu, jetzt sind erst einmal die Anderen dran *grinst*


MelanieMetzenthinAW: Teil 5 der LR "Im Lautlosen"26.07.2017, 18:12 Uhr
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Toma, ich freue mich sehr, dass es dir gefallen hat! Und klar - wer mich kennt, weiß, dass ich meine Bücher immer irgendwie positiv enden lassen muss. An diesem Punkt, wo unsere Helden ganz unten sind, funktioniert das, was am Anfang die Spannung erzeugte - das wissen um die Zukunft - auf entgegengesetzte Weise. Wir wissen, dass sie wenige Jahre später im Wirtschaftswunder leben werden und ihre Rente sicher ist *zwinkert*. Alle ihre Träume werden sich erfüllen - so unglaubwürdig das jetzt noch erscheint. Der Leser kann sich zufrieden zurücklehnen, weil er weiß, dass alles gut wird.

Der Weg dahin wird allerdings schwierig - an der Geschichte schreibe ich jetzt gerade.

Und klar - Fritz durfte natürlich nicht alles verlieren, nicht, nachdem er alle Schicksalsschläge so tapfer hingenommen hat. Im Grunde haben Fritz' Verluste in den frühen Jahren ihn davor bewahrt, am Schluss alles zu verlieren. Ist dir aufgefallen, wie ich das aufgezogen habe?
Fritz verliert seinen ersten Sohn Gottlieb, der kurz nach der Geburt wegen seiner Fehlbildung stirbt. Fritz' Frau Dorothea hat danach Angst vor einer weiteren Schwangerschaft. Fritz kauft Dackel Rudi, in der Hoffnung, nicht nur ein Ersatzobjekt zu haben, sondern auch wieder mütterliche Gefühle bei Doro zu wecken. Es funktioniert. 1934 wird Henriette geboren, 1937 Harri. Wäre Gottlieb gesund gewesen, hätte Fritz vermutlich nicht Dackel Rudi gekauft. Vielleicht wäre Harri auch nicht geboren worden. Aber selbst wenn beides passiert wäre und Fritz drei Kinder und einen Dackel gehabt hätte, so können wir davon ausgehen, dass Gottlieb, der 1929 geboren wurde, als 14-jähriger in der Lage gewesen wäre, auf den Dackel aufzupassen. Rudi wäre nicht dem kleinen Harri ausgebüxt, der wäre nicht hinterher gelaufen, sondern sie wären alle im Luftschutzkeller erstickt und verbrannt. Durch Gottliebs tragisches Schicksal hat sich Fritz' Schicksal und das seiner Kinder in eine andere Richtung entwickelt.

Oder schauen wir uns Paula und Richard an. Wäre Dr. Krüger ein netter Kollege gewesen, wäre Richard nicht an die Front versetzt worden. Sie hätten auch keinen Grund gehabt, Georg früher aus dem Krankenhaus zu holen und sich im Schrebergarten zu verstecken. Und so wären Paula, Emilia und Richard 1941 im Luftschutzkeller gestorben, als Georg im Krankenhaus war. Georg wäre vermutlich von Fritz adoptiert worden. Und Georg hätte - als Ältester - vermutlich auch 1943 Dackel Rudi festgehalten. Also wäre Georg zusammen mit Doro, Henriette und Harri gestorben. Fritz wiederum wäre noch übrig gewesen. Aber es wäre niemand mehr da gewesen, ihn in Cherbourg zu retten, als der Amerikaner auf ihn anlegte ...

Wäre Krüger ein netter Kerl gewesen, wären alle unsere Helden tot gewesen ...

Die Sündenheilerin, Juli 2011 (Piper) ***Schicksalsstürme, August 2012 (Piper) ***Die Reise der Sündenheilerin, August 2013 (Piper) ***Die Tochter der Sündenheilerin, März 2014 (Piper) ***Das Zeichen der Isis, September 2014 (Fahrenheit Books)

-LENA-AW: Teil 5 der LR "Im Lautlosen"27.07.2017, 17:53 Uhr
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Das Ende versöhnt mit heftigen vorhergehenden Abschnitt. Sie stehen nun vor einer neuen Aufgabe.
Gebangt habe ich noch, ob Richard und Fritz Cherbourg lebend verlassen können.
Richard kann Dank des Berichtes zu Paula nach Göttingen zurückkehren. Das letzte Kriegsjahr beginnt. Die Szene im Bahnhof, als Emilia auf den Güterwaggon aufmerksam macht, verursacht noch mal Gänsehaut.
Alle Familienmitglieder müssen nun eng zusammenrücken.
Durch Zufall entdeckt Richard den Namen von Harri auf einer Liste, er hat überlebt.
Mit Hilfe von Arthur kann Richard Krüger zur Rechenschaft ziehen. Diese Prozesse dauerten lange. Noch heute gibt es ja Verurteilungen von Verantwortlichen. Viele, die in höheren Positionen sassen, haben nach dem Krieg die neue Bundesrepublik mit aufgebaut. Mancher wurde auch Ministerpräsident.
Man merkt aber auch bei Richard, dass die Befreier nicht unbedingt willkommen waren, angesichts der hohen Opferzahlen von Zivilisten.
Die Bombennächte hat meine Mutter auch mitgemacht mit meinen Bruder, mein Vater war an verschiedenen Fronten eingesetzt. Noch lange nach dem Krieg war immer eine Tasche mit den wichtigsten Dokumenten gepackt. Genauso, dass genügend Lebensmittelvorrat vorhanden war.

Der Kinobesuch war das Schmankerl zum Ende. Gibt es das Kino noch? Ich kenne nur das Motel in dieser Gegend.


"Wäre Krüger ein netter Kerl gewesen, wären alle unsere Helden tot gewesen ..."
Manchmal trifft man aber auch unbewußt die richtigen Entscheidungen.

MelanieMetzenthinAW: Teil 5 der LR "Im Lautlosen"27.07.2017, 18:41 Uhr
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Das Wort "Befreier" würde nicht mal Richard in den Mund nehmen. Damals waren das "Besatzer". Und zu dieser Zeit fühlten die Deutschen sich auch nicht "befreit", sondern besiegt. Das wurde erst später umgedeutet. Tatsächlich waren aber die ersten Monate ziemlich heftig und es war z.B. so, dass selbst in der amerikanischen Besatzungszone den Soldaten vorgeschrieben war, dass sie Lebensmittelreste wegzuwerfen hatten und sie auf keinen Fall deutschen Hausangestellten überlassen durften, selbst wenn die am Verhungern waren. Bis Juni 1946 war es Deutschen auch verboten, Pakete aus dem Ausland zu bekommen. Erst im Juni 1946 ging das mit den Carepaketen los. Die ersten Monate der Besatzungszeit waren von Ungewissheit und Unklarheit durchdrungen - und nach den Befreiungen der KZs war der Hass auf Seiten der Sieger so groß, dass sie gar nicht mehr unterschieden haben zwischen normalen Deutschen und Tätern - da wollten sie ein komplettes Volk bestrafen. Und all diesen Hass kriegt Richard ja auch von McNeil ins Gesicht geschleudert - der Brite macht ja gleich deutlich, dass er alles, was Richard sagen wird, nicht glaubt, sondern ihn für einen verachtenswerten Denunzianten hält - was aus seiner Sicht sicherlich nachvollziehbar ist, aber nichts daran ändern, dass es ungerecht ist. Das Fiese ist ja, dass Richard sagen könnte was er wollte - es würde ihm immer als Lüge oder sich anbiedern wollen ausgelegt werden. Man wusste zu der Zeit ja nicht mehr, ob diejenigen, die sagten, sie hätten Menschen gerettet, das wirklich getan haben, oder ob sie sich einfach nur reinwaschen und anbiedern wollten. Von denen gab es ja auch sehr viele.
Und dafür ist im Nachhinein die Szene in der ägyptischen Grabhöhle wichtig gewesen. Zu einer Zeit, als der Kriegsausgang noch völlig offen war, hat Richard Arthur schon die Wahrheit erzählt - zu einer Zeit, da es Richard keinerlei Vorteil brachte. Bis auf einen - er hat Arthur dabei geholfen, Menschen wieder differenzierter zu betrachten und sich nicht länger hinter eigenen Vorurteilen zu verstecken. Damit hat er Arthur auch etwas zurückgegeben - eine differenzierte Betrachtungsweise. Und genau das kommt ihm nun zugute, weil Arthur das wiederum umsetzen kann - und er erlebt es auch als ungerecht, dass alle Deutschen in einen Topf geworfen werden und unterstützt Richard. Und so erntet Richard am Schluss, was er im ganzen Roman gesät hat - am Ende hat er auch jemanden aus einer Schicht, der es besser geht als ihm, als Freund an seiner Seite. Arthur wiederum bewundert Richards Mut und will dahinter nicht zurückstehen. Er fühlt sich regelrecht verpflichtet, selbst alles dafür zu tun, was er selbst für richtig und menschlich hält. Und deshalb sorgt er ja auch dafür, dass Fritz wieder nach Hause zu seinem Sohn kommt. Letztlich haben sich hier Menschen gefunden, die trotz unterschiedlicher Nationalitäten gleiche Werte und gleiche Interessen (Arztberuf, Fotografie und Ägyptologie *zwinkert*) verbindet. Und auf genau solchen Brückenpfeilern baut die Zukunft der Nationen auf.

Die Sündenheilerin, Juli 2011 (Piper) ***Schicksalsstürme, August 2012 (Piper) ***Die Reise der Sündenheilerin, August 2013 (Piper) ***Die Tochter der Sündenheilerin, März 2014 (Piper) ***Das Zeichen der Isis, September 2014 (Fahrenheit Books)

MelanieMetzenthinAW: Teil 5 der LR "Im Lautlosen"27.07.2017, 18:44 Uhr
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Ach ja, hier noch was über das Kino, das inzwischen nicht mehr existiert: www.filmmuseum-hamburg.de/ index.php?id= 57&ds_ id= 85

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CharlieLyneAW: Teil 5 der LR "Im Lautlosen"28.07.2017, 10:46 Uhr
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Also meine Familie als Verfolgte des Nationalsozialismus fühlte sich durchaus befreit und hat die Einnahme Berlins bejubelt. Mir ist das als Kind von meiner Oma auch immer so beigebracht worden: Das sind unsere Befreier. Als meine Brüder und ich als Teenager anfingen, die USA zu kritisieren, fand meine Oma das ganz schrecklich. Die haben uns befreit uns basta. Und dass bei uns in Tempelhof Leute "Ami go home" an Häuserwaende geschmiert hatten, konnte sie nicht fassen.
Wir haben den Tag der Befreiung vom Faschismus auch immer gefeiert. Und ich mache das mit meiner eigenen Familie heute noch.
Mein Grossvater, der als Kommunist und russischer Muttersprachler im Untergrund gelebt hatte, hat fuer die sowjetischen Besatzer als Dolmetscher gearbeitet. Das war seine ganz grosse Hoffnung, nach allem, was er durchgemacht hatte, er hat total an den Staat, der dort entstehen sollte, geglaubt. Als alle Mitarbeiter der sowjetischen Besatzungszone in diese übersiedeln mussten, wollte er sofort gehen. Meine Oma hat sich dem aber verweigert und so blieben alle im Westen, worunter die Ehe und Familie erheblich litt. Zu erleben, dass das im Osten nicht funktionierte, wie er es sich erhofft hatte, hat mein Opa nicht verkraftet. Es hat ihn kaputtgemacht.

Was du über die Fäden, die du verflochten hast, erzählst, ist sehr interessant. Mir ist das, ehrlich gesagt, gar nicht aufgefallen, ich war nur so so erleichtert, dass Fritz nicht alles verloren hat, dass der kleine Harri ihm bleibt. Das macht nichts wieder heil. Aber es gibt ihm einen Grund, weiterzumachen und sich ins Leben zurückzukaempfen. Was er, so wie er gebaut ist, schaffen wird, da bin ich sicher. Ich habe mich über mich selbst amüsiert, denn eigentlich bin ich ja nicht so der Typ, der Romanfiguren verzweifelt ein Wunder in letzter Sekunde wünscht. Aber bei Fritz ... Er musste einfach noch jemanden haben, um ihn in die Arme zu schliessen und ganz festzuhalten!
Ich finde es im Übrigen wichtig, solche Geschichten von Wundern auch zu erzählen, denn solche gibt es bei jeder Katastrophe, so gross sie auch ist. Meine Oma (deren Mutter euthanasiert wurde) hat auch so eine erlebt. Sie war ganz sicher, dass ihr geliebter kleinster Bruder auch ermordet worden war, hatte nach Odyssee durch sämtliche Ämter sogar eine Bestätigung erhalten - und dann stand er eines Tages ganz dünn und gesund vor ihrer Tür. Sie hat uns das bis zu ihrem Tod immer wieder erzählt. Es war ihr Weg zurück ins Leben.

"Der soll was anderes kaufen. Kann der nicht Paris kaufen? Ach nein, in Paris regnet's ja jetzt auch."Ararat - "Und sie werden nicht vergessen sein" - Knaur, 1. März 2016www.charlotte-lyne.com

tomaAW: Teil 5 der LR "Im Lautlosen"28.07.2017, 11:43 Uhr
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Was Ihr Beiden da schreibt, dass ist unglaublich berührend und wirklich gänsehautmäßig.
Ich denke, Ihr habt beide Recht. Richard musste als Deutscher ja erst einmal "nachweisen", dass er kein Nazi war, der sich jetzt als der Gute darstellen will. Dein Großvater, Charlie, hatte da wohl einen anderen Hintergrund und war bei den "Besatzern-Befreiern" sicher glaubwürdiger.
Und dass es Wunder gibt, daran glaube ich fest und habe es auch schon selbst erlebt.
"Was-wäre-wenn" ... meine Familie und ich sind zweimal durch "eine Kleinigkeit" 1985 einem Bombenattentat am Frankfurter Flughafen und einem schweren Verkehrsunfall mit über 50 Autos auf dem Weg von Bayern nach Hause in den 70ger Jahren knapp entkommen.
Schicksale wie die von Harri oder Charlies Großonkel hat es bestimmt sehr viele gegeben und das ist im wahrsten Sinne des Wortes WUNDERSCHÖN.

MelanieMetzenthinAW: Teil 5 der LR "Im Lautlosen"28.07.2017, 13:44 Uhr
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Vielen Dank für euer Feedback.
@Charlie
Ich denke wie Toma, es ist vom Hintergrund abhängig, ob man von Besatzung oder Befreiung sprach. Eindeutig befreit wurden sämtliche Verfolgten des Regimes. Aber Richard ist kein Verfolgter des Regimes. Auch Kranke galten nicht als Verfolgte des Regimes. Das tragische war, dass nach der "Befreiung" zwar alle Verfolgten und Inhaftierten der Nazis befreit wurden, aber die Geisteskranken und Behinderten verhungerten nach wie vor in den Anstalten - die hatten keine Lobby, die wurden nicht mal als Verfolgte betrachtet. Die starben noch jahrelang, weil sie als unproduktiv galten und auch nur die "Friedhofskarten" zugeteilt bekamen und - da sie in einer Anstalt dahinvegetierten - auch keine Chance hatten, sich schwarz Lebensmittel zu besorgen.

Deshalb habe ich mit dem pauschalen Begriff "Befreiung" so ein Problem. Der ist m.E. differenziert zu benutzen. Leute wie Richard, die bei der Wehrmacht waren, wurden erstmal als feindliche Deutsche betrachtet. Und Richard schweigt bei McNeil ja auch und rechtfertigt sich nicht, weil es so hohl und lächerlich klingen würde, da ihm all das ja schon durch die verächtliche Ansprache weggenommen wurde. Jemand, der im KZ war oder aber muttersprachlich russisch-sprachig in der SBZ war, hatte da natürlich ein ganz anderes Standing.

Die Leute, die sich äußerlich angepasst haben, um im Stillen zu helfen, die saßen immer zwischen allen Stühlen. Die echten Nazis machten weiter Karriere, die eindeutig zu identifizierenden Opfer wurden befreit - aber so Leute wie Paula und Richard - ganz normale Deutsche - hatten unter den niedrigen Lebensmittelrationen zu leiden und Richard hat ja auch begründete Angst, was aus seinen Kindern wird. Im NS-Regime waren seine Kinder von der Zwangssterilisation bedroht - jetzt droht der Hungertod. Das ist der Punkt, an dem er ja auch zusammenbricht. Als er merkt, dass er im Grunde komplett alles verloren hat.

Aber genau an dem Punkt muss dann auch mal ein kleines Wunder passieren - und aus dem Schrecklichen etwas Gutes erwachsen. Das passiert bei optimistischen Menschen im Leben ja tatsächlich immer wieder. Hätte Richard sich nicht über McNeil geärgert, hätte er nicht auf die falsche Liste beim Roten Kreuz geschaut und Harri nicht wiedergefunden.

Es gibt halt kein Schwarz oder Weiß, es ist alles voller Grauschattierungen.


Die Sündenheilerin, Juli 2011 (Piper) ***Schicksalsstürme, August 2012 (Piper) ***Die Reise der Sündenheilerin, August 2013 (Piper) ***Die Tochter der Sündenheilerin, März 2014 (Piper) ***Das Zeichen der Isis, September 2014 (Fahrenheit Books)

MelanieMetzenthinAW: Teil 5 der LR "Im Lautlosen"28.07.2017, 13:50 Uhr
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Ich muss hier übrigens auch noch mal loswerden, dass ich gestern fast vor Freude geplatzt wäre, als ich erfuhr, dass ausgerechnet dieses Buch, vor dem alle großen Verlage thematisch zurückschreckten, weil sie Angst hatten, das fände keine ausreichende Leserschaft, jetzt auf Platz 20 der Bild-Bestsellerliste steht!

Die Sündenheilerin, Juli 2011 (Piper) ***Schicksalsstürme, August 2012 (Piper) ***Die Reise der Sündenheilerin, August 2013 (Piper) ***Die Tochter der Sündenheilerin, März 2014 (Piper) ***Das Zeichen der Isis, September 2014 (Fahrenheit Books)

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